37 Bauernhaus Vordere Rüti von 1654. Nördliche Giebelseite mit Bohlen- und Riegelwerk, nach der Restaurierung von 1995.
In Zusammenarbeit mit der kantonalen Denkmalpflege wurde 1991 die Stube saniert, und 1992 bis 1995 erfolgte die Fassadenrestaurierung des Hauptgebäudes von 1654.
Der Hof Vordere Rüti liegt im Gebiet des mittelalterlichen Waldgürtels, der sich vom Gerenholz im Südosten über Langrüti und Ödischwänd zum Sack-, Gross- und Winterbergholz im Nordwesten erstreckte. Der Hofname Rüti weist auf die einstige Rodungstätigkeit hin. Der spätmittelalterliche Rütihof, dessen Kern die Vordere Rüti darstellt, wurde schon vor der Mitte des 16. Jahrhunderts geteilt und besteht heute aus den Höfen Vordere, Mittlere, Hintere, Obere und Untere Rüti.
Laut Frühmessurbar Wädenswil bewirtschaftete Hans Pfister im Jahre 1555 den Hof in der Unteren Rüti, welcher an den Winterberg, an die Weide im Hangenmoos, an die Langwies und an die Obere Rüti grenzte. Im Bevölkerungsverzeichnis von 1634 wird «In der Ruti» Rudolf Streulis Witwe Anna Herdener mit den minderjährigen Kindern Elsbeth, Uli und Margretli aufgeführt. Damit wird jene Familie fassbar, welche 1654 das heutige Bauernhaus Vers.-Nr. 1541 erstellen liess und den Hof bis 1917 bewirtschaftete. Spätestens im Jahre 1772 war das Bauernhaus in eine obere und eine untere Hälfte unterteilt. Beide Hofhälften warfen 1776 bzw. 1791 Sommer- und Winterfutter für drei Kühe ab. 1815 verkauften die Bruder Heinrich und Jakob Streuli den unteren Hausteil an Hans Jakob Gujer in Männedorf. 1862 wurde Gemeinderat Jakob Suter Eigentümer, 1863 Heinrich Hofmann, 1865 Gottlieb Brändli und 1873 Johannes Streuli-Hauser. Diesem gehörte damals der obere Hausteil, welcher sich seit der Bauzeit des Hauses in der Familie Streuli vererbt hatte. Der Gesamthof ging durch Erbfolge auf Johannes Streulis einzige Tochter Luise über, welche die bäuerliche Liegenschaft 1917 ihrem Gatten Jakob Hauser verkaufte. Dessen Enkel führt heute den Landwirtschaftsbetrieb weiter.
Die Gebäude des Bauernhofes Vordere Rüti sind so angeordnet, dass ein grosser Innenhof entsteht, mit mächtigem altem Nussbaum als Zentrum. Im Osten liegen das Wohnhaus und das ehemalige Waschhaus, im Süden steht die Stallscheune und im Westen und im Norden je ein grosses Ökonomiegebäude. Zum Hof gehörte auch eine seit 1791 im Grundprotokoll erwähnte Sennhütte mit Milchkeller und Käsehaus, die 1920 abgebrochen wurde.
38 Bauernhaus Vordere Rüti. Zum Innenhof orientierte südliche Giebelfassade.
Das zweigeschossige, ostseits unterkellerte Bauernhaus von 1654 mit rechteckigem Grundriss ist ein teilweise ausgefachter, traufbetonter Bohlenständerbau. Die nördliche Giebelseite ist im Erdgeschoss zum Teil gemauert, hat eine Wand mit Riegel- und Bohlenwerk und eine vorkragende Verbretterung im Giebel. Holzgewände und ein schildbogiger Türsturz fassen das Eingangsportal. Das breit ausladende Kellerportal mit Holzgewände trägt im ebenfalls schildbogigen Sturz das eingekerbte Baudatum, die Jahreszahl 1654. Die südliche Giebelseite, mit zwei Klebdächern und vorkragender Verbretterung im Giebel, ist in den Vollgeschossen verputzt und in den Giebelgeschossen in Sichtfachwerk konstruiert. Die Fenster tragen zum Teil noch Butzenscheiben. Die östliche Traufseite zeichnet sich im erhöhten Erdgeschoss durch zwei Fensterreihen mit bemalten Falläden aus. Von den zwei Kellerportalen ist das eine mit Stein-, das andere mit Holzgewänden gefasst. Flachdach- und Quergiebelanbau besetzen die westliche Traufseite. Das mit Biberschwanzziegeln gedeckte Satteldach mit offenen Untersichten weist auf den beiden Giebelseiten Windbretter auf und nordseits Flugsparrendreiecke mit geschnitzten Hängesäulen. Aufschiebling, Flugpfette und geschnitzte Zugbänder zieren die Ostseite.
39a Bauernhaus Vordere Rüti, Aussenaufnahmen. Ansicht von Norden, mit westlichem Anbau von 1920.
39b Links: Kellerportal. Holztüre mit Lüftungsschlitzen. 39c Rechts: Eingekerbte Jahreszahl 1654 im schildbogigen Türsturz.
39d Links: Kellerportal mit Sturz und Gewänden aus Holz. 39e Rechts: Flugsparrendreieck auf der Nordseite.
Das Feldertäfer in der südöstlichen Stube ist mit dekorativen Jagdszenen aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts bemalt. Die Felderdecke mit Grisaillemalerei trägt an einem Deckenbalken die Jahreszahl 1770 und den Hausspruch «Gott Liebet alle arbeitsamen, Und Segnet Ewig ihren Namen. Der Fule kumt in not und Tod, Und hat kein Trost vom grechten Gott». Das dreitürige Einbaubuffet enthielt ehemals zwei Gutschen. Beschlagwerk ziert die Türen. In der nordöstlichen Stube, mit unigrünlich gestrichenem Wand- und Deckentäfer, steht ein am Sockel mit 1788 datierter grüner, patronierter Kachelofen mit Ofenstiege. Die Türe weist Beschlagwerk auf.
40a-d Bauernhaus Vordere Rüti. Südöstliche Wohnstube mit Hausspruch von 1770 an einem Deckenbalken (links oben) und Wandtäfer mit dekorativen Jagdszenen aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts: springender Hirsch, jagender Hund, stehender Bär.
Das von der Ostseite erschlossene ehemalige Waschhaus Vers.-Nr. 1540 wird bereits 1776 im Grundprotokoll erwähnt. Der eingeschossige Massivbau mit verbrettertem Giebelfeld auf der Nordseite trägt ein leicht geknicktes Satteldach, das mit Biberschwanzziegeln gedeckt ist. Das einstige Waschhaus diente dem Metzger Heinrich Streuli-Kleiner vorübergehend als Schlachthaus, und 1978 bis 1986 baute man hier eine Ferienwohnung ein.
41 Hof Vordere Rüti. Ansicht von Süden, 1975.
Die Stallscheune Vers.-Nr. 1538 wurde gemäss Balkeninschrift «17 H 7 ST 5» am westlichen Tor im Jahre 1775 für Heinrich Streuli erstellt. Der von einem Satteldach bedeckte zweigeschossige Mischbau mit Tennauffahrt auf der Westseite erfuhr verschiedene bauliche Veränderungen. 1911 entstand in der Westecke anstelle des Streueteils ein gemauerter Pferdestall und 1956 ein neuer Stall auf der Nordseite. 1987/88 wurde die Scheune verlängert und auf der Südseite um einen Anbau mit Kühlager und Jungvieh-Laufstall erweitert.
42a Nordostansicht der Stallscheune Vers.-Nr. 1538.
Das zweigeschossige Ökonomiegebäude Vers.-Nr. 1539 – mit rechteckigem Grundriss, Satteldach und Quergiebel auf der Westseite – steht an der Stelle eines abgebrochenen kleinen Bauernhauses und wurde gemäss Inschrift auf dem Schlussstein im Rundbogenabschluss des Steinportals auf der Ostseite im Jahre 1857 erstellt. Die beiden Giebelseiten und das Erdgeschoss der Traufseiten sind massiv gemauert, das Obergeschoss ist verbrettert. Das Gebäude mit grossem Mostkeller im Erdgeschoss enthielt ursprünglich eine Obstmühle, deren Göpel von einem Ochsen in Gang gesetzt wurde. 1920 gliederte man dem Gebäude einen westlichen Anbau mit Aufzug an.
42b Südostansicht des Ökonomiegebäudes Vers.-Nr. 1539.
Dem Bauernhaus Vordere Rüti mit Nebengebäuden, Innenhof und umgebenden Freiflächen wird regionale Bedeutung beigemessen. Zum Schutze des Hauptgebäudes wurde 1992 im Grundbuch eine Personaldienstbarkeit zugunsten des Kantons Zürich eingetragen.
Staatsarchiv Zürich, F IIc 86 und 88; B XI Wädenswil 9, S. 391–395; B XI Wädenswil 18, S. 287–289. – Werner Hauser-Höhn, Hof-Chronik Vordere Rüti, Manuskript von 1990/91. – Inventarisation der kantonalen Denkmalpflege, März 1982. – Zürcher Denkmalpflege, 13. Bericht 1991–1994, Zürich 1998, S. 435.
Peter Ziegler
37 Kantonales Hochbauamt, Zürich
38 Kantonales Hochbauamt, Zürich
39a Kantonales Hochbauamt, Zurich
39b Peter Ziegler, Wädenswil
39c Kantonales Hochbauamt, Zürich
39d, e Kantonales Hochbauamt, Zürich
40a-d Kantonales Hochbauamt, Zürich
41 Kantonales Hochbauamt, Zürich
42a, b Kantonales Hochbauamt, Zürich
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