Strasshaus

Quelle: Kleine Schriften zur Zürcher Denkmalpflege, Heft 2 von Peter Ziegler

Vers.-Nr. 1474, Obere Einsiedlerstrasse

61a Links oben: Haupt- und Nebenhaus von Osten, 1988. 61b Rechts oben: Südostfassade mit 1986/87 freigelegtem Fachwerk.
61c Links unten: Blick aus Westen auf die gemauerte Giebelfassade. 61d Rechts unten: Trauffassade gegen die Obere Einsiedlerstrasse.

Lage

Das stattliche Doppelwohnhaus mit steilem Satteldach und angebautem Nebenhaus steht nordwestlich des Althofes Burstel im Wädenswilerberg nahe der Gemeindegrenze zu Horgen und ist traufständig zur oberen Einsiedlerstrasse ausgerichtet. Seinen Namen hat es von der Lage am alten Pilgerweg von Zürich nach Einsiedeln erhalten.

102 Situationsplan. Massstab 1 : 2 500. Vgl. Text S. 61–64
1 Vers.-Nr. alt 454 c Waschhaus, erbaut 1814, abgebrochen 1832.
2 Vers.-Nr. 1474 Wohnhaus mit angebautem Schopf/Stall, erbaut 1709.

Ziel der Renovation

Auf Ersuchen der kantonalen Denkmalpflege verzichtete der Eigentümer auf den Einbau von zwölf Wohnungen und liess ein redimensioniertes Projekt ausarbeiten, das auf der bestehenden Raumstruktur basierte. Dadurch konnte die historische Substanz der zwei Hauptgeschosse erhalten werden; der Dachstock wurde zweigeschossig ausgebaut. Ohne dass der klar gegliederte Doppelgrundriss aus dem 18. Jahrhundert in seiner Haupteinteilung wesentlich verändert werden musste, ergaben sich unter Einbezug von Keller und Anbau schliesslich sieben Mietwohnungen. Die aufwendige Renovation in den Jahren 1986 bis 1988 umfasste die Freilegung des dekorativ eingesetzen Fachwerks sowie der Täfer- und Deckenmalereien im Innern.

63 In der Stube in der Südecke des ersten Obergeschosses wurde 1987/88 figürlich ausgemaltes Wand- und Deckentäfer freigelegt und erhalten.

Geschichte

Möglicherweise anstelle eines abgerissenen Vorgängerbaus liessen Hauptmann Rudolf Hauser (1667–1734) aus dem Hof Herrlisberg und seine Frau Maria Hottinger (geb. 1661) aus dem Hof Schrundlen, am südwestlichen Rand des Weilers Strasshaus ein neues, stattliches Wohnhaus mit angebautem Schopf und Stall sowie einem Waschhaus (abgebrochen 1832) bauen. Nach dem Konkurs von Jakob Hauser-Stapfer im Jahre 1772 kam die Liegenschaft an Leutnant Hans Jakob Bürgi und Kirchenpfleger Jakob Eschmann aus Wädenswil und 1780/81 durch Besitzabtausch an Feldschreiber Jakob Heinrich Herdener. Dessen Tochter Anna Theiler-Herdener und Margaretha Kölliker-Herdener teilten das Wohnhaus 1839 quer zum First über alle Geschosse hinweg in einen vorderen (= südlichen) und einen hinteren (= nördlichen) Hausteil auf. Nach etlichen Handwechseln beider Besitzteile gelangte die ganze Liegenschaft 1907 an Jakob Haab-Hauser, der das Strasshaus 1920 an Johann Bernhard Ueter veräusserte. 1947 wurde es von den heutigen Eigentümern, der Haab + Co. AG in der benachbarten Aamüli, erworben.


62 Panneau in der Täferstube des ersten Obergeschosses, mit Phantasielandschaft, Schloss und einem Infanteristen in der Zürcher Ordonnanz um die Mitte des 18. Jahrhunderts.

Kunstgeschichtliche Würdigung

Im Gegensatz zu den traditionellen zweigeschossigen Bauten der Gegend, eingeschlossen die grossen Wohnhäuser der Einzelhöfe, besitzt der kompakt wirkende Baukubus des Strasshauses über einem Kellersockel drei Vollgeschosse und darüber hinaus noch drei ehemals nicht ausgebaute Dachgeschosse im hochragenden Giebel. Seine auffallende, sicher ursprüngliche Mischbauweise ist durch die Freilegung des Fachwerks wieder sichtbar geworden. Mit dem Giebel nach Süden gerichtet, steht das Strasshaus traufparallel zur Strasse und zum Hang. Das ostwärts abfallende Gelände bedingte einen Sockel, in dem talseits ein gewölbter Keller eingebaut wurde.

Um den Bau gegen die Witterung zu schützen, erstellte man den Nordgiebel, wo ein grosses Rundbogentor den Dachraum erschliesst, ganz und die westliche Trauffassade über zwei volle Geschosse in Mauerwerk. In diesen Partien bestehen die Gewände der streng axial ausgerichteten Fenster aus Stein. Sie sind in spätgotischer Tradition gekehlt und vor den Stuben zu gekoppelten Reihen zusammengefugt. Der Türsturz der Strassenseite erinnert mit «RH 1709» an den Erbauer Rudolf Hauser und die Bauzeit 1709. Weitere Datierungen und der Hinweis auf die Ehefrau des ersten Besitzer, Maria geb. Hottinger, finden sich an einer Fensterbank – «MH 1709» – und am Kellerportal: «MH 1709 T».
Seit der Freilegung des Fachwerks an der Südost- und Südwestfassade erscheint der markante Bau wieder in zeittypischer Mischung aus Massiv- und Fachwerkkonstruktion. Zum roten Fachwerk und den weiss verputzten Mauerteilen kontrastieren die grau gefassten Fenstergewände und die gelben Blattranken mit schwarzer Schattenkontur und aufgesetzten weissen Lichtern in originaler Kalkmalerei auf den Dachuntersichten. Diejenigen der Giebelseite wurden offenbar ohne das Wissen, dass unter dem unansehnlichen Grauanstrich eine barocke Malerei verborgen lag, bei der Dachsanierung entfernt und vernichtet.
Im Hauptgebäude blieb die originale Grundrissstruktur der Hauptgeschosse weitgehend erhalten. Im Erdgeschoss entstand eine Vierzimmerwohnung mit tiefer liegendem Wohnraum im kreuzgratgewölbten Keller. Im ersten Obergeschoss wurde eine grosszügige Dreizimmerwohnung, im zweiten Obergeschoss über Haupt- und Anbau eine Zwei- und eine Vierzimmerwohnung geschaffen. Im ersten Dachgeschoss ersetzt die neue Raumdisposition die einfachen Kammern durch eine moderne Drei- und eine Zweizimmerwohnung. In den obersten beiden Dachgeschossen wurde eine Dreizimmer-Maisonettewohnung untergebracht. Auch im angebauten Nebenhaus mit Verbretterung, dem ursprünglichen Schopf- und Stallgebäude, entstanden Wohnungen. Eine besondere Bedeutung erhielt das Strasshaus durch die Entdeckung von Dekorationsmalereien in der südwestlichen Stube des ersten Obergeschosses. Eine erste Fassung – Arkaden mit illusionärem Ausblick in eine Landschaft mit Schlossern und Palästen – entstand wohl kurz nach 1709. Eine zweite, seit 1987/88 freigelegte Schicht, wiederholt thematisch die erste. Sie wurde im 12. Bericht der Zürcher Denkmalpflege wie folgt beschrieben: «Über einer niederen, gefelderten, dunkelbraun gemaserten Sockelzone reihen sich die schlanken Bildfelder. Sie zeigen Ton-in-Ton gemalte braune, gebirgige Ideallandschaften mit Schloss- und Ruinenstücken zwischen vereinfachten Baumkulissen. Figuren in den Kostümen des 18. Jahrhunderts beleben die Szenerien. Der kunstvolle Maser auf Decke und Wanden ist schichtweise in Hell-Dunkel-Kontrast und Grauschwarz- bzw. Brauntonen auf hellbraunem Grundton angelegt. (...) Die neu entdeckten Täfermalereien im Strasshaus gehören zu den qualitätsvollsten Dekorationsmalereien des 18. Jahrhunderts am Zürichsee. Die Datierungsfrage der beiden Malschichten lässt sich nicht zweifelsfrei klaren. Am ehesten ist die untere Dekorationsart der Zeit nach 1709, die obere dem Zeitraum zwischen 1772 und 1782 zuzurechnen und in das Umfeld von Auftragsmalern wie die Familie Kuhn von Rieden einzuordnen.»

64a, b In der südlichen Eckstube im ersten Obergeschoss wurde 1987/88 figürlich bemaltes Wand- und Deckentäfer freigelegt und restauriert.

64c Treppenhaus mit Tonplattenboden.

Schutz

Die Freilegung des Fachwerks während der Restaurierung von 1986/87 sowie die reiche Innenausstattung werteten die Bedeutung des Strasshauses auf. 1987 wurde es darum als regionales Schutzobjekt ins überkommunale Inventar aufgenommen.

Literatur

Peter Ziegler, Aus der Geschichte des Strasshauses in Wädenswil. Allgemeiner Anzeiger vom Zürichsee, 24. November 1987. – Christian Renfer, Das Strasshaus, Selbstbewusstes Bauen im Wädenswiler Berg im frühen 18. Jahrhundert. Jahrbuch der Stadt Wädenswil 1989, Wädenswil 1989, S. 29–50. – Zürcher Denkmalpflege, 12. Bericht 1987–1990, Zurich 1997, S. 330–333.




Peter Ziegler



Bildnachweis

61a-d Kantonales Hochbauamt, Zürich
62 Kantonales Hochbauamt, Zürich
63 Kantonales Hochbauamt, Zürich
64a-c Kantonales Hochbauamt, Zürich
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