Hofgruppe Meierhof

Quelle: Kleine Schriften zur Zürcher Denkmalpflege, Heft 2 von Peter Ziegler

Vers.-Nrn. 102, 103, 112; Meierhofstrasse 24, 26, 14, 16

65 Weiler Meierhof. Luftaufnahme von 1979. Oben links der 1980 abgebrochene obere Bauernhof. Unten von links nach rechts: Haus Vers.-Nr. 102/103 von 1722, Ökonomiegebäude, Fachwerkhaus Vers.-Nr. 112.

Lage

Die Altbauten des Weilers Meierhof liegen auf einer Geländeterrasse ob der Einsiedlerstrasse und gruppieren sich locker um eine Wegkreuzung.

103 Situationsplan. Massstab 1 : 2 500.
1 Vers.-Nr. alt 9 d Sennhütte, bestehend 1813, abgebrochen 1874.
2 Vers.-Nr. alt 10 Wohnhaus, bestehend 1813, abgebrochen 1891.
3 Vers.-Nr. alt 11 d Scheune, bestehend 1813, abgebrochen 1868.
4 Vers.-Nr. alt 12 Trotthaus, bestehend 1813, abgebrochen 1891.
5 Vers.-Nr. alt 13 b Scheune Oberer Meierhof, abgebrochen 1859.
6 Vers.-Nr. alt 17 c Scheune, bestehend 1813, abgebrochen 1906.
7 Vers.-Nr. 91 Stallscheune mit Trotte, bestehend 1813.
8 Vers.-Nr. 92 Wohnhaus Zum Boller, mit Waschhaus und Schopf, erbaut im 18. Jahrhundert.
9 Vers.-Nr. 93 Wohnhaus Boller oder Äusserer Meierhof (vor 1600 Oberer Meierhof), erbaut 1741.
10 Vers.-Nr. 94 Speicher, ab 1897 Wohnhaus mit Zinnenanbau.
11 Vers.-Nr. 95 Scheune, bestehend 1813.
12 Vers.-Nrn. 100 a, b, c Wohnhaus, bestehend 1813.
13 Vers.-Nr. 101 Wohnhaus, bestehend 1813.
14 Vers.-Nrn. 102/103 Doppelwohnhaus Unterer Meierhof, erbaut 1722.
15 Vers.-Nr. 104 Waschhaus.
16 Vers.-Nr. 105 Trotte, zusammengebaut mit Holzscheune, bestehend 1813, Scheunenanbau 1832.
17 Vers.-Nr. 106 Wohnhaus Oberer Meierhof II (vgl. Nr. 9), erbaut im 18. Jahrhundert, Südostanbau 1839, Nordwest-Scheunenanbau 1859; abgebrochen 1980.
18 Vers.-Nr. 107 Waschhaus Oberer Meierhof.
19 Vers.-Nr. 108 Scheune, bestehend 1812.
20 Vers.-Nr. 109 Sennhütte mit Brunnen, bestehend 1812, rekonstruiert 1989, seither Vers.-Nr. 3917.
21 Vers.-Nr. 110 Speicher, erbaut im 18. Jahrhundert.
22 Vers.-Nr. 111 Stallscheune, erbaut im 18. Jahrhundert, erweitert 1928.
23 Vers.-Nr. 112 Doppelwohnhaus, erbaut 1771.
24 Vers.-Nr. 922 Scheune, bestehend 1813, neugebaut 1852, abgebrochen 1912.

Ziel der Renovation

Der Untere Meierhof (Vers.-Nrn. 102/103/104) wurde 1979/80 einer von der kantonalen Denkmalpflege begleiteten Aussenrenovation unterzogen. Die ehemalige Sennhütte Vers.-Nr. 109 mit Hofbrunnen baute man 1989 als Rekonstruktion neu auf. Das Bauernwohnhaus Vers.-Nr. 112 erfuhr 1989 eine fachgerechte Restaurierung.

Geschichte

Das weite Gebiet südöstlich des Dorfes Wädenswil, von der heutigen Schlossgass bis zum Reidholz, teilweise bis hinunter zum See und bergseits auf die Höhe von Rutenen, Grüental und Tann, war am Ende des 14. Jahrhunderts Besitz der Johanniterkomturei Wädenswil und gehörte als landwirtschaftlich genutzte Fläche zur Burg Wädenswil. Die ebene Geländepartie beidseits der heutigen Etzelstrasse heisst in alten Urkunden Breite («Gebreiti»); sie wurde für den Ackerbau genutzt, an den Hängen für den Rebbau. In diesem Bereich verfügte die Johanniterkommende seit dem beginnenden 15. Jahrhundert über zwei Wirtschafts- und Verwaltungshöfe: den Oberen und den Unteren Meierhof.

Oberer Meierhof, ab 1600 Hof Boller
Der Obere Meierhof, grenzend an «das Gut an der Gebreiti» von Hans Schmid, wird im Jahre 1400 urkundlich erstmals erwähnt. Er wurde damals von Ulrich Hafler bebaut. 1413 ist der Lehenbauer Heini Schmid nachweisbar, der Bruder des Inhabers des angrenzenden Breiti-Hofes, 1431 Hans Wild, 1458 Heini Bachmann, 1510 Hans Bachmann, 1568 Jakob Bachmann und um 1600 Bartli Boller. Nach diesem Familiennamen wurde der Obere Meierhof umbenannt in «Boller». Der Name hat sich, auch als Strassenbezeichnung, bis heute erhalten. 1705 sassen die Haab, 1715 Chirurg Hotz, 1790 Cornett Eschmann und der Geschworene Jakob Blattmann auf dem Boller-Heimwesen.

66a Links: Haus Boller, ehemals Oberer Meierhof. 66b Rechts: Der spätere Obere Meierhof von Nordosten im Jahre 1913. Abgebrochen 1980.

Unterer Meierhof, Meierhofstrasse 24/26 (Vers.-Nrn. 102/103)
Im Gegensatz zum Oberen Meierhof, dem späteren Hof Boller, hiess der näher dorfwärts gelegene Hof der Niedere oder Untere Meierhof. Sein Name hat sich für den Weiler gehalten, der einst allerdings bergseits über die heutige Etzelstrasse hinausgriff und auch einen im Mai/Juni 1980 abgebrochenen Bauernhof am Standort der jetzigen Siedlung «Gartenburg» umfasste.
Der in vielen Gemeinden auftauchende Name Meierhof – zum Beispiel in Horgen (heute Zentrum Meierhof beim Bahnhof) oder in Zürich-Höngg (Meierhofplatz) – bezeichnet den Hof des grundherrlichen Verwalters, des Meiers. Im Auftrag der Johanniterkomturei bewirtschaftete er deren grossen Gutshof der Burg und war daneben vom Komtur mit dem Einzug der Grundzinse und Abgaben betraut. Ab dem Spätmittelalter gingen die ehemaligen Lehenhöfe als nur noch abgabepflichtige Höfe ins Eigentum der sie bewirtschaftenden Bauern über. Dies war auch beim Meierhof der Fall. 1549 kaufte Zürich den Johannitern die Burg und Herrschaft Wädenswil mit allen Rechten und Pflichten ab. Die Burg im Reidholz musste wegen einer Einsprache der Schwyzer gegen diese Handänderung gemäss Tagsatzungsentscheid abgebrochen werden, was 1557 geschah. Als Verwaltungssitz für die neu gegründete Landvogtei Wädenswil innerhalb des zürcherischen Stadtstaates durfte Zürich ein von der Grenze Zürich/Schwyz weiter entferntes und damit in Dorfnähe von Wädenswil gelegenes Landvogteischloss erbauen (Eidgenössische Forschungsanstalt). Das neue Schloss entstand 1552 bis 1556 auf Areal, das vom Unteren Meierhof abgetrennt worden war. Als Inhaber des Unteren Meierhofs Wädenswil lässt sich 1431 Hans Bucher nachweisen und 1568 Uli Wild. Zu Wilds Hof gehörten Haus und Hofstatt, Acker, Matten und Weiden, sechs Jucharten Wald und rund drei Jucharten Reben. Die Weide- und Heufläche reichte, um im Sommer zwanzig Kühe zu füttern und im Winter zwölf. Als Grenzen des stattlichen Unteren Meierhofs werden bezeichnet: die zum Schloss gehörenden Güter Breiti und Bürglen, der Obere Meierhof, Tann und Schmidgass. Mit der Familie Wild hatte ein Geschlecht auf dem Unteren Meierhof Einzug gehalten, welches das Bauerngut über Generationen besass und prägte. 1607 sassen auf dem Meierhof die Bruder Hans und Christian Wild. Nach einer Hofteilung nannte Hans die untere Behausung samt der Hausmatte gegen den See sein eigen, Christian das obere Haus samt Umschwung. Ob sich Teile dieser Gebäude im Haus Meierhofstrasse 17/19 erhalten haben, oder ob sie beim Bau des Hauses Meierhofstrasse 24/26 abgebrochen wurden, ist nicht geklärt.

67a Links: Oberer Meierhof. Waschhaus Vers.-Nr. 107, Ansicht von Westen. 67b Rechts: Unterer Meierhof, Haus Vers.-Nrn. 102/103 von Süden, 1999.

1722 entschlossen sich die Brüder Hans und Rudolf Wild, Söhne aus der Ehe von Hans Caspar und Verena Wild-Hottinger, zum Bau eines neuen Doppelwohnhauses (Meierhofstrasse 24/26), während Niklaus, der jüngste Bruder, vermutlich das ältere elterliche Heimwesen übernahm.
1739 verkaufte Niklaus Wild auf offener Gant die von seinem Bruder Hans geerbten Meierhofgüter – den oberen Hausteil mit Zubehör und Umschwung – dem Schützenmeister Hans Heinrich Höhn. Damit hielt auf dem Meierhof eine Familie Einzug, welche die Geschicke des Haupthauses des Weilers bis ins 19. Jahrhundert hinein bestimmen sollte. Der Familie Höhn gelang es nämlich, um 1740 auch den unteren Hausteil zu erwerben. 1784 verfügte Heinrich Höhn auf dem Meierhof über «ein Haus samt Waschhaus und Schweinestall, wie auch Trotthaus mit Birnenmühle darin». Im weiteren hatte er einen Drittel Anteil an der Sennhütte Meierhof, besass eine halbe Scheune, ferner Garten, Hanfland, Matten und 11/2 Jucharten Reben auf dem Meierhof. Dazu kam Weideland unterhalb der Eichmatte südöstlich des Landvogteischlosses und Wald im Reidholz.
Bis 1797 hatte das Doppelwohnhaus Meierhof dem selben Besitzer gehört. Mit der Erbteilung dieses Jahres splitterten sich die Eigentumsverhältnisse, wie schon in der Bauzeit, wieder auf. Beide Hausteile nahmen bis 1992 getrennte Entwicklungen. Dann kamen sie wieder in eine Hand.
Das Waschhaus Vers.-Nr. 104 auf der Ostseite des Hauses und die westlich anschliessende Trotte (Ausbau des Trottwerks 1881) wurden 1907 und 1918 zum Wohnen umgebaut (Meierhofstrasse 22).

Haus Meierhofstrasse 14/16 (Vers.-Nr. 112)
Laut Bauinschrift an der Nordecke des Gebäudes ist das ehemalige Bauernhaus Meierhofstrasse 14/16 im Jahre 1771 durch das Ehepaar Hans Ulrich Brändli (1740–1791) und Elsbeth Huber wohl am Platz eines abgebrochenen Vorgangerbaus erstellt worden. 1792 ist von einer doppelten Behausung mit angebautem Schopf und Schweinestall die Rede. Nachkommen der Erbauer übten in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts auf dem Meierhof neben der Landwirtschaft das Schreiner- und Küfergewerbe aus. In den 1860er Jahren verkauften die Brändli ihren Besitz, und die beiden Hausteile nahmen getrennte Entwicklungen. Der auf der Westseite angebaute Schopf mit Schweinestall wurde 1881 für Wohnzwecke umgestaltet. Seit den späten 1980er Jahren gehört das Bauernwohnhaus wieder einem einzigen Besitzer.

68a Links: Haus Vers.-Nr. 112, Ansicht von Osten,1999. 68b Rechts: Die 1928 erweiterte Stallscheune Vers.-Nr. 111.

Kunstgeschichtliche Würdigung

Das 1722 erstellte stattliche Doppel-Wohnhaus Vers.-Nrn. 102/103 – der herausragende Bau des Weilers – wurde in der ortsüblichen Weise mit der Giebelseite gegen den See ausgerichtet und mit der Traufseite gegen Süden. Der von barocken Stileinflüssen geprägte, grossvolumige, verputzte Massiv-/Fachwerkbau hat über hohem Kellergeschoss zwei Wohngeschosse und – eher eine Seltenheit – drei Dachgeschosse. Unter der Terrasse, welche der südlichen Trauffassade vorgebaut ist, finden sich die beiden symmetrisch angeordneten rechteckigen Wohnungseingänge sowie zwei Rundbogentore, die zu den gewölbten Kellern führen. Der gerade Türsturz des oberen Hausteils Vers.-Nr. 103 trägt die Inschrift «17 H W 22», jener des unteren Hausteils Vers.-Nr. 102 die Inschrift «17 HRW SB 22» und dazu zwei Wappen. HW bedeutet Hans Wild; HRW Hans Rudolf Wild und SB Susanna Blattmann. Die gleiche Aussage macht auch das in Stein gehauene Allianzwappen: das Familienwappen Wild mit dem Wilden Mann und das Familienwappen Blattmann mit dem halben Mühlrad. Hans Wild, Erbauer und erster Besitzer des oberen Hausteils, starb 1735 als Junggeselle im 75. Altersjahr. Dies die Erklärung, weshalb im Sturz der oberen Türe Initialen einer Ehefrau und Allianzwappen fehlen. Ein Neubau im Ausmass des stattlichen Meierhofhauses von 1722 bedurfte finanzieller Mittel. Laut Grundprotokoll waren die Eichmüller Blattmann die Geldgeber.

66c Links: Haus Boller. Blattmann-Wappen im Sturz der Kellertüre, 1741. 67c Rechts: Haus Vers.-Nr. 102. Türsturz mit Wappen Wild und Blattmann.

Das barocke Bauernwohnhaus Vers.-Nr. 112, ein Doppelhaus mit Trennung quer zum Hauptfirst, wurde 1771 in Fachwerkbauweise erstellt. Eine Bauinschrift auf Sandsteinquader an der Nordecke des Gebäudes belegt Erbauer und Erstellungsjahr:

H V B
E B H
1771

aufzulösen als H(ans) V(lrich) B(rändli) und E(lisa) B(etha) H(uber). Über dem massiven Kellergeschoss des traufbetonten Satteldachbaus mit rückseitiger Quergiebelerweiterung erheben sich zwei symmetrisch gestaltete Geschosse in Fachwerk. Die zum Garten orientierte Trauffassade weist anstelle der ehemaligen Fensterreihe im ersten Wohngeschoss gekoppelte Fensterpaare auf, im Obergeschoss schmale Einzelfenster. Die seeseitige Giebelfront ist ebenfalls in Fachwerk ausgeführt. Das Oberlicht der Kellertüre trägt barockes Gitterwerk. Die bergseitige Giebelfassade ist massiv gemauert und verputzt. Die zweiachsig angeordneten Fenster mit Steingewänden sind mit Steinplatten als Wetterschutzdächlein versehen. Der Altbau trägt ein mit Biberschwanzziegeln gedecktes Satteldach mit geknickten Dachflächen, der verputzte Quergiebelanbau auf der Westseite ein weniger steiles Satteldach ohne Aufschieblinge.
Im Weiler Meierhof haben sich verschiedene Ökonomiebauten erhalten: die 1989 als Rekonstruktion wieder aufgebaute ehemalige Sennhütte Vers.-Nr. 109 mit Hofbrunnen am Meierhofweg, die mit Flugsparrendreiecken verzierte, 1928 vergrösserte Stallscheune Vers.-Nr. 111 – ein ehemaliger Bohlenständerbau aus dem 18. Jahrhundert – sowie ein speicherartiger Kleinbau unter Satteldach (Vers.-Nr. 110), dessen bretterverschaltes Holzrahmengerüst eine Datierung ins 18. Jahrhundert nahelegt. Die Scheune und der Speicher sind Teil der Liegenschaft Meierhofstrasse 14/16.

Schutz

Für das Haus Meierhofstrasse 22/24 besteht seit 1980, für das Haus Meierhofstrasse 14/16 seit 1989 eine Personaldienstbarkeit zugunsten des Kantons Zürich.

Literatur

Peter Ziegler, Die Johanniterkomturei Wädenswil 1287 bis 1550, Wädenswil 1987, S. 60. Zürcher Denkmalpflege, 10. Bericht 1979–1982, 1. Teil, Zürich 1986, S. 132.





Peter Ziegler



Bildnachweis

65 Archiv Peter Ziegler, Wädenswil
66a Kantonales Hochbauamt, Zürich
66b Archiv Peter Ziegler, Wädenswil
66c Kantonales Hochbauamt, Zürich
67a, b Kantonales Hochbauamt, Zürich
67c Kantonales Hochbauamt, Zürich
68a, b Peter Ziegler, Wädenswil
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