«Ein unheimlicher Gast, die sog. Spanische Grippe oder Influenza, hielt im Juni ihren Einzug in unsere Marken. Zuerst trat sie scheinbar harmlos auf u. zwar bei den Truppen im Jura. Bald zeigte sich ihr gefährlicher Charakter in nachfolgender Lungenentzündung. Die Todesopfer bei Zivilpersonen sowohl wie beim Militär nahmen von Woche zu Woche zu […]».1 So beschrieb der Chronist der Lesegesellschaft den Beginn der Grippepandemie, die 1918/19 in drei Wellen weltweit 20 bis 50 Millionen Todesopfer forderte – weit mehr Menschen, als während des Ersten Weltkriegs starben.2 In der Schweiz trat die Spanische Grippe in zwei Wellen auf, von Mai bis August 1918 und von September 1918 bis Mai 1919 mit einem Höhepunkt im November, wobei die zweite Welle deutlich verheerender ausfiel. Insgesamt erlagen der Krankheit rund 24 500 Personen, was 0,62 Prozent der Bevölkerung entsprach. Rund 2 Millionen Menschen, die Hälfte aller damaligen Einwohnerinnen und Einwohner der Schweiz, waren an der Grippe erkrankt.3
Die Spanische Grippe traf am häufigsten die 20- bis 40-Jährigen. Unter ihnen waren besonders viele Todesfälle zu beklagen; Männer waren noch etwas stärker gefährdet. Warum ausgerechnet Junge betroffen waren, ist noch ungeklärt. Man vermutet, dass ältere Generationen in vergangenen Epidemien, etwa während der «Russischen Grippe» 1889/90, immunisiert worden waren.4 Seit 2005 ist der H1N1-Virus als Erreger nachgewiesen, nachdem dieser aus Grippeleichen im nordamerikanischen Permafrost isoliert werden konnte.
145 Der sogenannte Grenzdienst zu verhältnismässig unbeschwerten Zeiten, ca. 1916. Postkarte, von Paul Rellstab (1893–1972) an seine Eltern geschickt.
Die Krankheit verlief oft sehr rasch: Nach den üblichen Grippesymptomen stieg das Fieber sehr stark an, gefolgt von einer meist doppelseitigen Lungenentzündung. Die Lunge lief mit Blut voll, woran die Patienten letztlich erstickten.5
Die «spanische» Grippe hat ihren Namen den Pressemeldungen zu verdanken, die aus Spanien Zentraleuropa erreichten. Das damals kriegsneutrale Land kannte keine Pressezensur, weshalb hier als Erstes von einem gefährlichen Krankheitsausbruch berichtet wurde. Auch in der Schweiz vermeldeten Zeitungen erstmals im Mai 1918 das Auftreten der Seuche in Spanien. Wo die Krankheit tatsächlich erstmals auftrat, ist heute kaum mehr zu bestimmen. Jedenfalls scheint sie aus amerikanischen Kasernen, wo bereits im März zahlreiche Soldaten erkrankten, mit den Kriegsschiffen nach Frankreich verschleppt worden zu sein. Die hohe Mobilität während der Kriegsereignisse, die mit der Bewegung grosser Menschenmassen einherging, begünstigte die weltweite Verbreitung der Grippe. Ähnliches dürfte auch für die Schweiz zutreffen, wo sich durch die Truppenverschiebungen die Menschen verschiedener Landesteile vermischten.6
Die Spanische Grippe geriet in der historischen Forschung während des 20. Jahrhunderts beinahe in Vergessenheit und erhielt meist nur als Randnotiz zu anderen Ereignissen wie dem Kriegsende, der sozialen Not und dem Landesstreik Aufmerksamkeit. Häufig erwähnte man die Grippe im Zusammenhang mit den für den sogenannten Ordnungsdienst während der Streiktage aufgebotenen Soldaten und übernahm dabei ein zeitgenössisches Deutungsmuster: Man legte dadurch den Fokus meist auf die verstorbenen Soldaten, obwohl diese «nur» 7 Prozent – es starben 1780 Armeeangehörige – der Grippetoten ausmachten.7
In Wädenswil sind insbesondere das Notspital im alten Eidmattschulhaus und der Einsatz des Samaritervereins für dessen Betrieb in Erinnerung geblieben.8 Der vorliegende Artikel untersucht die Ereignisse rund um die Spanische Grippe in Wädenswil, die Massnahmen, Heilmittel und Schicksale. Dabei dienten als Quellengrundlage im Wesentlichen die Berichterstattung im «Allgemeinen Anzeiger vom Zürichsee» (AAZ) und die Protokolle der Gesundheitskommission.
Ende Mai 1918 gab es erste Meldungen über Grippe-Erkrankungen in der Schweiz. Zunächst waren Berichte vorherrschend, die den «gutartigen Verlauf» der Krankheit und deren Harmlosigkeit beschrieben.9 Anfang Juli wurde der Ton zunehmend alarmierender, als sich das Ausmass der Epidemie immer stärker zeigte. So meldete der «Anzeiger» «Massenerkrankungen» in verschiedenen Truppenbeständen des Tessins und der Westschweiz. Am 9. Juli waren gemäss Armeearzt 6800 Soldaten als Patienten ausser Gefecht gesetzt und bereits 24 Todesfälle «beinahe ausschliesslich infolge Lungenentzündung» zu beklagen. Bereits stellte man fest, dass insbesondere junge Menschen von der Grippe betroffen waren.10
Zu dieser Zeit erreichte die Spanische Grippe auch Wädenswil. In einem der Infektionsherde in Delémont erkrankte der 21-jährige Jakob Baur während des Militärdienstes. Er war das erste «Opfer, das die Grenzbesetzung von den Soldaten unserer Gemeinde forderte». In der Zeitungsmeldung war zu lesen: «Gesund an Körper und Geist ist Ende Mai der 21 Jahre alte Jakob Heinrich Baur, Hülfsmonteur bei den kantonalen Elektrizitätswerken, zum Grenzschutz ausgezogen – gestern haben sie den jungen Soldaten tot heimgebracht. Vor zehn Tagen befiel ihn die ‹spanische Grippe›, die leider in Lungenentzündung ausartete und das junge Leben auslöschte.»11 In vielen der Todesmeldungen zu den Grippeopfern lassen sich ähnliche Muster erkennen – sie zeigen die Erklärungsnot der Angehörigen: Besonders kräftige, gesunde und mitten im Leben stehende Menschen werden von der Grippe jäh aus dem Leben gerissen. Zu sehen ist auch, wie sich der Name der Epidemie bereits durchgesetzt hatte.
An Jakob Baurs Beerdigung nahmen auch Soldaten teil. Bange erwähnte der «Anzeiger», dass noch zwei seiner Brüder im Dienst stünden.12 Nur wenige Tage später beklagte auch die Gemeinde Hütten mit Emil Hauser ihren ersten toten Soldaten, der im Bürgerspital Basel verstorben war. «Der gesunde, kräftige Mann ist seit Kriegsausbruch mehreren Aufgeboten gefolgt, Wind und Wetter vermochten dem guten Soldaten nichts anzuhaben», meldete die Zeitung. Hauser erhielt ein militärisches Begräbnis mit der Musik eines Bataillonsspiels sowie des gemischten Chors Hütten, dessen Mitglied er gewesen war.13
Mitte Juli bestätigte das eidgenössische Gesundheitsamt, dass es sich bei der Krankheit um «eine Influenza» handelte und die Gerüchte, es sei die Pest, Cholera oder das Fleckfieber, könnten widerlegt werden.14 Insgesamt wurden die Behörden und die Armeeleitung von der sich rasch ausbreitenden Seuche überrascht und waren überfordert. Angesichts der zunehmend dramatischen Berichte aus dem Militärdienst und den Todesopfern stand insbesondere die Armeesanität unter heftiger Kritik – und dies nicht nur von linker Seite. Man beanstandete die mangelnden Vorbereitungen und die unhygienischen und engen Unterkünfte.15
146 Mitte Juli 1918 beklagten Wädenswil und Hütten die ersten an der Grippe gestorbenen Soldaten.
Ende Oktober setzte deshalb der Bundesrat eine Kommission ein, die die Anschuldigungen und Zustände in der Armeesanität umfangreich untersuchte. Der Bericht lag Ende Januar 1919 vor, als die zweite Welle bereits stark im Abklingen war, und bezog sich nur auf die Monate Juli bis September. Er bestätigte die Vorwürfe, dass man für eine solche Epidemie weder vorbereitet noch ausgerüstet gewesen war. «Kleinere oder grössere Unterlassungssünden sind anscheinend überall vorgekommen», was übrigens auch auf die zivilen Behörden zutreffe, kommentierte der «Anzeiger» lapidar.16
Angesichts der rapide zunehmenden Grippefälle beschloss der Bundesrat am 18. Juli 1918, die Kantone und Gemeinden zu ermächtigen, Massnahmen gegen die weitere Ausbreitung zu verordnen. Die Kompetenz zur Eindämmung der Krankheit wurde folglich auf die kantonale und lokale Ebene delegiert. Der Gemeinde oblag es, «Massenversammlungen in geschlossenen Lokalen (Kinos, Schaustellungen, Festlichkeiten usw.)» zu verbieten. Bei Verstössen waren Geldbussen bis zu 5000 Franken oder drei Monate Gefängnis möglich. Am 25. Juli erliess der Regierungsrat ein Versammlungsverbot und übergab zugleich die konkrete Umsetzung an die Gemeinden. Die Wädenswiler Gesundheitskommission untersagte in der Folge «für die Dauer der Epidemie festliche Veranstaltungen, grössere Zusammenkünfte, Masseneinquartierungen, Tanzanlässe in geschlossenen, engern Räumlichkeiten».17
Die Gesundheitskommission war am 9. April 1916 von den Stimmbürgern gewählt worden und blieb seither in ihrer Zusammensetzung unverändert.18
148 Ende Juli sprachen die Gesundheitskommission Wädenswil und der Gemeinderat Schönenberg erste Verbote aus.
Die Behörde arbeitete als Milizgremium unter dem Präsidium des sozialdemokratischen Gemeinderats und Schreinermeisters Albert Bär. In der Kommission sassen der Arzt Otto Ganz, der Tierarzt Albert Hug, die Landwirte Arnold Brändli vom Oberort und Jean Brändli vom Baumgarten, Weichenwart Robert Locher, Depotchef Robert Steiner und der Bäcker Karl Amman beim Bahnhof.19 Die Mitglieder vertraten folglich verschiedene Interessengruppen und Bevölkerungskreise. Die Kommission war dabei zuständig für die Gesundheit von Menschen und Tieren, für die Lebensmittelhygiene und den Fleischschauer, für Ärzte und Apotheken, den Friedhof und die Hygiene in Wohnhäusern. Bei der Bekämpfung von Seuchen stützte sich die Behörde auf die erst 1911 erlassene «Verordnung betreffend Massnahmen gegen Infektionskrankheiten». Sie galt für Keuchhusten, Mumps, Scharlach, Masern, Diphtherie, Varizellen, Tuberkulose und Typhus und umfasste Massnahmen wie Vorschriften zur Isolierung von erkrankten Personen, Meldepflicht oder Desinfektionen. Die Grippe war allerdings nicht erwähnt, aber Vorkehrungen zu Krankheitsausbrüchen waren getroffen, auch wenn im Falle der Spanischen Grippe die Massnahmen eher fortlaufend in Form von Notrecht erlassen wurden.20 In Schönenberg tagte die Gesundheitskommission von Mitte 1918 bis 1919 nur zweimal und nahm lediglich die Informationen der Regierung zur Kenntnis. Es ist anzunehmen, dass hier der Gemeinderat die notwendigen Vorschriften erliess. Für Hütten kann zur Gesundheitskommission keine Aussage gemacht werden, da das Protokoll für den betreffenden Zeitraum verschollen ist.21
Das Grippevirus wurde erst 1933 nachgewiesen, dennoch wusste man auch 1918 über die Art der Ansteckung der Krankheit Bescheid. So war allgemein bekannt, dass die Übertragung durch Tröpfchen, das heisst durch Kontakte zwischen Menschen, vonstattenging. Die Gesundheitskommission beschrieb in einem Zeitungsartikel detailliert die Krankheitssymptome. Man kenne zwar die Krankheitsursache noch nicht, es handle sich aber um eine «sehr ansteckende Krankheit». «Die Übertragung erfolgt hauptsächlich von Mensch zu Mensch, vor allem durch Sprechen, Niesen oder Anhusten. » Man empfahl eine gute Hygiene in den Wohn- und Schlafräumen, regelmässiges Lüften, möglichst wenige enge Kontakte, das Vermeiden von Versammlungen und den Verzicht des Wirtschaftsbesuchs. Ferner sei eine gute «Mund-, Zahn- und Nasenhygiene », beispielsweise mit Gurgeln oder Inhalationen ratsam. Krankenbesuche seien zu unterlassen und Erkrankte isoliert zu halten. Ende Oktober bestätigte das Bakteriologische Institut in Bern, dass die Infektionen über «Rachen und Nasenschleim, sowie Lungenauswurf» erfolgten.22
Trotz dieser zu grossen Teilen noch heute gültigen Empfehlungen kursierten weitere Mutmassungen zu den Ansteckungen. Anfang Juli teilte etwa die Schweizerische Depeschenagentur mit, dass von «fachkundiger meteorologischer Seite» bestätigt sei, dass die rasche Verbreitung der Spanischen Grippe auf «heftige südwestliche Luftströmungen zurückzuführen sei». Noch Ende des Monats hielt man diese Form der Übertragung für plausibel, da bei Truppen auf dem Simplon Soldaten erkrankten, obwohl sie ohne Kontakt zur Aussenwelt waren. Wenig später stellte sich jedoch heraus, dass ein später eingerückter Soldat die Krankheit eingeschleppt hatte und ihr anschliessend als Erster erlag.23
Während der ganzen Zeit der Pandemie empfahlen sich verschiedenste Hersteller von Heilmitteln mit Inseraten. «Gegen die Spanische Grippe» helfe etwa «J. Hirt’s Wurzel-Extrakt», das in Bäch hergestellt wurde. «Winkler’s Eisen-Essenz» sei ein «bewährtes Heilmittel bei Influenza und zur Stärkung nach schwerer Krankheit», es half folglich während und nach der Erkrankung. «Zurück zur Natur!», riet das Alpenkräuterhaus von Hans Hochstrasser in der Seefahrt und bot «Tee’s aus den besten Alpenkräutern». Ein «wirksamer Grippe- und Katarrh-Schutz» sei die «Sansilla-Nasensalbe Ripharol», die es in der Tube zu drei Franken gab. Ebenfalls bei Katarrh lindere das «ärztlich empfohlene Weisflog-Bitter» die Symptome. «Gegen Grippe, Husten, Halsweh, Heiserkeit» wurden «Gaba-Tabletten» angepriesen. Geschwächt «nach überstandener Grippe», empfahlen die Inserate «Ferromanganin» oder «Elchina», das dem Körper «neue Lebenskräfte» verleihe.24
«Bei Epidemien ist Hände-Desinfektion das beste Vorbeugungsmittel. Die Hände sind die ersten Bakterienträger, man wasche sie deshalb öfters mit einer guten Carbol- oder Lysol-Seife, z. B. Marke Callet.»25 Entsprechende Inserate warben für die Seife unter dem Titel «Spanische Influenza». Dass die Hygiene eine zentrale Rolle bei der Be kämpfung der Grippe einnahm, war allgemein anerkannt. Der Desinfektion kam deshalb eine grosse Bedeutung zu. Die Gesundheitskommission ordnete an, nach jedem Transport von Grippekranken den Krankenwagen zu desinfizieren.26 Dieser war übrigens seit Oktober 1918 ein «Elektro-Krankenmobil » Marke Tribelhorn Feldbach, «das leider in diesen Tagen allzuviel Gelegenheit [hatte], seinen anstandlosen Betrieb und zweckdienliche Einrichtung zu beweisen». Die Ladestation befand sich beim Friedhof.27
Um die Tröpfchenübertragung zu minimieren, empfahl ein Berner Arzt «die gesamte Bevölkerung mit Schutzmasken zu versehen» und das Tragen von Masken ausser Haus zu verordnen. «Das allgemeine Tragen des ‹Maulkrattens› wird einen grotesken Zug ins öffentliche Leben bringen. Die Einbusse, die dabei die Menschenwürde zu erleiden habe, würde mit Humor zu ertragen sein.»28 Auch unter Ärzten war die Wirksamkeit der Masken jedoch umstritten. Die Gesundheitskommission empfahl zwar ihrerseits ebenfalls das Tragen von Schutzmasken – insbesondere bei der Pflege von Grippekranken –, Vorschriften erfolgten jedoch nicht. Inwieweit die Bevölkerung freiwillig diese Masken trug, die in der Drogerie «Alpina» in der Nähe des «Engels» erhältlich waren, ist nicht bekannt.29
«Sogar Alkohol und Tabak werden als Desinfektionsmittel empfohlen?!», schrieb der Chronist der Lesegesellschaft.30 Offenbar kursierte in der Bevölkerung der zweifelhafte Ratschlag, Alkohol helfe gegen die Grippe. Gegen diesen «Aberglauben», der «durch absurde ärztliche Verordnungen vielfach genährt» wurde, protestierte die «Sozialistische Guttemplerloge ‹Seefrieden›» in einem Inserat. Die Abstinenzlergruppe bezog sich dabei auf August Forel, den «weltbekannten Professor» und Kämpfer gegen den Alkohol. In einem langen Artikel betonte man, dass der Alkohol im Gegenteil die Abwehrkräfte stark schwäche.31
«Die Vorschläge zur Verhütung [der Grippe] sind so mannigfaltig, dass man bald nicht mehr weiss, was man überhaupt befolgen soll. Viele dieser Vorschläge haben entschieden spekulativen Hintergrund; andere beruhen auf Mutmassungen.» Naturheilpraktiker empfahlen beispielsweise Packungen, Wickel, Diät und Sonnenbäder. «Die Grippekeime können die Sonne nicht vertragen», und vor allem Leute, die in engen Räumen arbeiten oder wohnen, seien gefährdet. Der Naturheilverein Wädenswil lud am 6. Oktober zum Vortrag mit Friedrich Fellenberg vom damals vermutlich bereits geschlossenen Sanatorium in Erlenbach, wo sich 1911 auch Franz Kafka behandeln lassen hatte. Fellenberg referierte über die «naturgemässe Lebensweise als Vorbeugung bei Epidemien».32
Doch zurück zu den Handlungen der Behörden. Die Grippe stand nicht auf der Liste der meldepflichtigen Infektionskrankheiten des 1914 revidierten Bundesgesetzes betreffend Massnahmen gegen gemeingefährliche Epidemien. Somit waren nach dem Ausbruch zunächst kaum verlässliche Zahlen über das Ausmass der Erkrankungen vorhanden.33 Die Gesundheitsdirektion des Kantons Zürich erliess Mitte Juli ein Kreisschreiben an die Ärzte und Gesundheitsbehörden, Krankheitsfälle zu melden, wofür ein Formular zur Verfügung stehe. Die Gesundheitskommission erachtete diese Meldepflicht vorerst als problematisch, da sich nicht alle Erkrankten in ärztliche Behandlung begäben.34 Man beschloss aber, wöchentlich bei der Kanzlei des kantonalen Gesundheitsamtes die Zahlen zu erfragen, um auf dem Laufenden zu bleiben. Mitte September waren in der Zeitung erste Resultate dieser Krankheitsmeldungen zu lesen. Von 17. Juli bis 31. August ereigneten sich 8,3 Prozent der Erkrankungen des Kantons Zürich – 1706 Personen – im Bezirk Horgen.35 Am 11. Oktober erliess der Bundesrat schliesslich einen Beschluss, der die Meldepflicht für obligatorisch erklärte und die Nichtbefolgung unter Strafe stellte. Zu dieser Zeit ergriff die zweite Welle bereits die Schweiz.36
Im Übrigen war die Grippe im «Anzeiger» ein dominierendes Thema. Täglich fanden sich Meldungen aus der ganzen Schweiz mit Zahlen von Erkrankungen oder Todesfällen, Berichte von Ansteckungen im Militärdienst oder im Zivilleben, besondere Schicksalsschläge oder Schliessungen von Schulen. Bereits damals war vieles, das im Zusammen hang mit der Spanischen Grippe stand, einige – teilweise boulevardeske – Zeitungszeilen wert, etwa als die Stiftsschule in Einsiedeln kurz nach den Ferien wieder geschlossen werden musste oder als «ein junger, stämmiger, prächtiger Mann» beim Tanzen, Jassen und beim Frauenbesuch in Oberiberg mehrere Personen ansteckte und in der Folge er und drei weitere Personen starben.37
Die erste Welle der Spanischen Grippe verlief in der Deutschschweiz noch vergleichsweise harmlos.38 Dennoch waren bald Verbote ausgesprochen, die insbesondere die Freizeit einschränkten. Der Gemeinderat Schönenberg gab am 26. Juli bekannt, dass die Kirchweih am 28. Juli «wegen der Gefahr der Ausbreitung der Grippe» nicht stattfinde und dass «jede Art Tanzunterhaltung» verboten sei. Zudem sagte er die nächste Feuerwehrübung ab. Im Mistlibühl ob Hütten hielt ein «unheimlicher Gast Einzug, die Grippe», weshalb die dortige «Ferienkolonie aufgelöst» werden musste.39
In Wädenswil verzichtete man auf die Feierlichkeiten zum 1. August. Der Krieg und «eine unheimliche Krankheit im Lande, die zahlreiche blühende Menschenleben knickt, sind nicht dazu angetan, Feste zu feiern. Ohne Höhenfeuer, ohne Feuerwerk, Gesangund Musikvorträge wird diesmal der Bundesfeiertag vorübergehen.»40 In der Folge verbot die Gesundheitskommission auch öffentliche Beerdigungen, unterliess aber die Absage der Gemeindeversammlung Mitte August, obwohl die kantonale Sanitätskanzlei dies empfohlen hatte. Dagegen wurden die Sommerferien «wegen der Grippegefahr » verlängert. Auf Empfehlung der kantonalen Behörden entschied man, die Chilbi zu verschieben und erst am 8. und 9. September durchzuführen. Die sonst üblichen Tanzveranstaltungen blieben jedoch untersagt. Ende August war zwar das Versammlungsverbot wegen des Rückgangs der Erkrankungen wieder aufgehoben worden und Beerdigungen wieder erlaubt, «Tanzbelustigungen» jedoch noch immer verboten.41 Die «ausserordentlich reichhaltige Budenstadt in der Metropole am See» zog zahlreiches Publikum an, das unter anderem mit Extrazügen aus Zürich anreiste. Von der Verschiebung der Chilbi profitierten im Übrigen etwa 400 Soldaten aus Wädenswil, Schönenberg, Hütten und Hirzel, die vom «Mobilisationsdienst an ihren heimatlichen Herd» zurückkehrten und somit am beliebten Volksfest teilnehmen konnten. Sie waren fünfzehn statt elf Wochen im Dienst gestanden, um die Zahl der Truppenverschiebungen zu verringern und so die Ausbreitung der Grippe in der Armee einzudämmen.42
Die ersten Verbote, die grosse Menschenansammlungen verhindern sollten, waren folglich nur von relativ kurzer Dauer. Als Folge des Rückgangs der Erkrankungen Ende August sei bald eine «Erlöschung [der Grippe] zu erwarten», weshalb der Kanton und die Gesundheitskommission nach rund einem Monat die Verbote weitgehend wieder aufhoben.43 Auch in der Folge beschränkten sich die Massnahmen vor allem auf das Freizeitverhalten und die Schulen. Die Gefahr, die von der «Arbeit in den Fabriken, dem Bahnverkehr u.s.w.» ausging, wie dies der Chronist der Lesegesellschaft bemerkte, wirkte sich jedenfalls nicht auf Verbote aus. Dass die Grippe sich jedoch in Fabriken besonders leicht verbreitete, zeigt beispielsweise der grosse Ausfall im Bestand der Belegschaft in der Seidenweberei Gessner, der zeitweise sogar Betriebseinstellungen zur Folge hatte.44
Der ersten Grippewelle fielen neben den erwähnten Personen noch vier weitere Soldaten aus Wädenswil zum Opfer: Im Juli Jacques Hürlimann, Prokurist bei der Importfirma Ernst Hürlimann, Traugott Wirz, Installateur des Sihlwerks, Theodor Helbling-Keller, Telegrafenmonteur und Präsident des Grütliturnvereins, sowie Ende September der Pöstler Huldrich Weber. Sie alle hatten das 30. Altersjahr noch nicht erreicht. 45 Am härtesten traf es jedoch die Familie Weinmann, Schlosser an der Stegstrasse. Am 24. Juli las man in der Zeitung vom Tod der 25-jährigen Frieda Weinmann. Nur zehn Tage vorher war bereits ihre zwei Jahre ältere Schwester Päuly an einer Lungenentzündung gestorben. Nun, nochmals zwei Tage später, erlag auch der 19-jährige Sohn Hans der Grippe und wurde gleichzeitig mit seiner Schwester bestattet.46 Doch weiteres Unglück brach über die Familie herein: Im Januar 1919 starb schliesslich auch noch die letzte verbleibende Tochter, die 23-jährige Rosa Weinmann, «nach kurzem Leiden».47
Nach einem kurzen Abflachen der Erkrankungen setzte die Spanische Grippe Anfang Oktober zur zweiten Welle an, die wesentlich stärker ausfiel als die erste. Die Gesundheitskommission ergriff erneut Massnahmen. «Durch das zweitmalige Aufflackern der Grippe sind vorsorgliche Massnahmen zu treffen, dass die Epidemie nicht weiter um sich greift. Die bei den Ärzten gemachten Erhebungen weisen heute schon rund 200 Fälle auf. Es wird daher beschlossen, die kirchlichen Gottesdienste, alle öffentlichen Versammlungen, Gesang- und Musikproben, militärischer Vorunterricht zu sistieren. » Zu den Regelungen gehörte zudem ein erneutes Verbot öffentlicher Beerdigungen. Gleichzeitig begannen die Vorbereitungen für die Einrichtung eines Notspitals für Grippekranke.48
Mit der stark steigenden Zahl der Grippefälle betonte die Gesundheitskommission, dass die Verbote auch für private Gebäude gälten. Man zähle «auf die Vernunft jedes Einzelnen» und gab zugleich bekannt, dass gemäss Bundesbeschluss bei Nichteinhaltung Bussen bis zu 5000 Franken oder 3 Monate Gefängnis drohten. Auch unter den Kindern grassierte nun die Grippe, weshalb am 9. Oktober die dritte Sekundarklasse geschlossen und nur zwei Tage später sämtliche Schulen im Dorf bis auf Weiteres eingestellt wurden.49
Aus der ganzen Schweiz, der Stadt Zürich und der Nachbarschaft wurden nun täglich die ansteigenden Fallzahlen bekannt gegeben. In Wädenswil zählte man am 12. Oktober 202 Grippekranke in ärztlicher Behandlung und nahm nochmals ebenso viele ohne Arztbesuch an. Eine Woche später meldete die Gesundheitskommission bereits 382 Personen, in der Folgewoche waren es 265 Erkrankte.50 Angesichts dieser Zahlen diskutierte die Gesundheitskommission mögliche weitere Massnahmen. Ein Mitglied beantragte beispielsweise, «ein allgemeines Jassverbot» auszusprechen, da «durch die verwendbaren Karten leicht eine Übertragung möglich sei». Mit 4 gegen 3 Stimmen lehnte die Kommission den Vorschlag nur knapp ab.51
Die Bestimmungen lösten da und dort auch Widerspruch aus. So wehrte sich der katholische Pfarrer Karl Blunschy vehement gegen das Gottesdienstverbot. Er sprach sich dafür aus, wenigstens «die Kirche tagsüber den wenigen frommen Betern offen zu halten». Damit reagierte er auf eine «ernste Rüge» und die Schliessung der Kirche durch die Gesundheitskommission, nachdem diese trotz Verbot «zahlreiche Besucher aufwies». Die übrigen religiösen Gemeinschaften hätten sich schliesslich auch daran gehalten, so die Kommission, die das Gesuch ohne Antwort zu den Akten legte.52 Wenig später erreichte die Behörde ein erneutes Schreiben, worauf man einstimmig beschloss, konsequent zu bleiben und keine Ausnahme zu gewähren. Als in der ersten Novemberwoche ein Rückgang der Grippe zu beobachten war, beschloss man Lockerungen des Gottesdienstverbots. «Auf Grund dieser Tatsache, ja nicht auf das Drängen & Zwängen des kath. Pfarrers», wie die Kommission festhielt, erlaubte sie wieder Gottesdienste und religiöse Versammlungen – allerdings ohne Gesang. Der Religionsunterricht blieb vorerst untersagt.53
Im Dezember kritisierte ein Einsender im «Anzeiger» die Handlungen der Gesundheitskommission. Viele der Massnahmen seien zu spät erfolgt oder wirkungslos. Dass öffentliche Versammlungen verboten seien, sei sinnvoll. Dass hingegen die Schulen weiterhin offen seien, sei fahrlässig, «auf gut Glück hin, dass der Würgengel ein Einsehen hat und vor dem Schulhaus respektvoll kehrt macht.» Die Gefahr der «Familienepidemie» sei besonders gross. Das Schulprogramm könne «unter Berücksichtigung des ohnehin schon abnormalen Jahres» auch mit Hausaufgaben gelöst werden.54 Die Gesundheitskommission reagierte gereizt. Von den etwa 900 Schülern seien «nur 160 Absenzen infolge Krankheit in der Familie gemeldet ». In den «geräumigen Schulzimmern » sei die Ansteckungsgefahr kleiner «als in den oft kleinen überfüllten Wohnräumen » und der Lehrer könne die Schüler besser als die Eltern beobachten, «die tagsüber von Hause weg sind». Ausserdem solle «eine Behörde, die seit Monaten jede Woche 3-stündige Sitzungen abhalten muss, um den vielen Vorschriften wegen der Epidemie gerecht zu werden, […] nicht in so unverschämter Weise angerempelt werden.»55 Im Übrigen führte die erneute Zunahme der Grippefälle ohnehin zur vorzeitigen Schliessung der Schulen und die Eltern waren dazu aufgefordert, «für zweckmässige Beschäftigung der Kinder besorgt zu sein». Auch öffentliche Weihnachtsfeiern wurden abgesagt. Die Betonung der engen Wohnverhältnisse ärmerer Bevölkerungskreise zeigt auf, dass viele der Massnahmen nur ausserhalb der Wohnungen wirksam waren und das tiefer liegende Problem der Wohnungsnot nicht gelöst werden konnte.
Am 11. Oktober beschloss die Gesundheitskommission, ein Notspital einzurichten. Sie beantragte dazu bei der Schulpflege die Überlassung des alten Eidmattschulhauses. 56 In einem Zeitungsaufruf suchte man nach dem benötigten Mobiliar, «Betten, Nachttischchen, Krankentische, Bettwäsche und Handtücher». Die ersten 20 Betten konnten von der landwirtschaftlichen Schule im Schloss ausgeliehen werden. Die Isolierung der Grippekranken an einem gesonderten Ort schien die einfachste Massnahme zu sein, nicht zuletzt, um auch das Krankenasyl zu entlasten. Manche der schweren Fälle fanden dennoch im regulären Spital Aufnahme.57 Das Notspital verfügte über zwei «Krankenstuben», für Männer und für Frauen. Die ärztliche Leitung übernahm Dr. Josef Hess, die Verwaltung der Lehrer Hans Häberling. Letzterer war Präsident der Rotkreuz-Sektion Wädenswil und auch damit beauftragt, unter anderem aus den Reihen des Vereins Pflegepersonal zu gewinnen.58
Mit zunehmender Dauer seines Einsatzes bezahlte die Gesundheitskommission einen Vikar als Stellvertreter für seine Aufgaben in der Schule, da man es für wenig sinnvoll hielt, dass Häberling sowohl mit Schülerinnen und Schülern als auch mit Grippekranken in Kontakt kam. Ein Aufruf in den Zeitungen für mehr freiwilliges Personal erfolgte eine Woche nach der Eröffnung am 14. Oktober, als bereits 20 Personen in den «Grippe-Notkrankenstuben» lagen. Für die getroffenen Massnahmen sprach der Gemeinderat einen Kredit von 3000 Franken. Daraus sollte unter anderem das «Pflegegeld Minderbemittelter» bezahlt werden, wie die Kommission einstimmig beschloss. Der Tagesansatz betrug 1.50 Franken. Neben vielen Leihgaben und Sachgeschenken gingen auch Geldspenden im Wert von 9303 Franken ein. Darunter waren beispielsweise 1000 Franken der Firma Pfenninger oder 500 Franken von Frau Gessner. Die Verpflegung des Notspitals lieferte Robert Matzinger vom alkoholfreien Gasthof zur Sonne.59
Das freiwillige Pflegepersonal erhielt 8 Franken pro Einsatz. Im Fall einer Erkrankung wurde ihnen freie Pflege im Kantonsspital zugesichert. Die Gesundheitskommission beschloss allerdings, dass bei allfälligen Todesfällen beim Personal «keinerlei Entschädigungsanspruch seitens der Hinterlassenen» bestehe, was diesen ausdrücklich mitgeteilt werden solle.60 Tatsächlich befand sich unter den insgesamt neun Todesfällen im Notspital auch jener von Albert Strecker, der als Mitglied der Rotkreuz-Sektion freiwilligen Dienst tat, von der Krankheit befallen wurde und ihr am 19. Dezember 1918 erlag. Er war von Beruf Rosshaarspinner und hinterliess seine Ehefrau und zwei Kinder. In der Zeitung bat man um Unterstützung für die Familie des Verstorbenen, die Gesundheitskommission sprach ihrerseits zunächst 300 Franken. Die öffentliche Sammlung, die von der Behörde in die Wege geleitet wurde, stiess auf grossen Zuspruch. Wiederholt informierte man in der Zeitung über den Stand der Spenden, um weitere Gönner zu animieren. Anfang Januar waren bereits 1011 Franken eingegangen, die auf Sparhefte für die Kinder Albert und Martha gelegt wurden. Im März 1919 stellte die Gesundheitskommission fest, dass die Sammlung 2400 Franken ergeben hatte, worauf man beim Gemeinderat um 2600 Franken zum Aufrunden des Betrags ersuchte.61
Ende Januar 1919 zog die Gesundheitskommission Bilanz über das Notspital, das dreieinhalb Monate in Betrieb gewesen war und am 25. Januar geschlossen werden konnte. Mithilfe dieser Einrichtung habe die Epidemie «rascher zum Erlöschen gebracht» werden können. Man sprach allen beteiligten Helfenden «den wärmsten Dank» aus und auch allen, die mit Ihren Beiträgen das Notspital unterstützt hatten. Insgesamt wurden 201 Personen gepflegt und es waren neun Todesopfer zu beklagen. Die Gepflegten teilten sich auf 102 Männer und 99 Frauen auf, die insgesamt 4189 Pflegetage beanspruchten.62 Interessanterweise weichen diese offiziellen Zahlen von den Angaben ab, die sich auf der Rückseite einer gerahmten Fotografie des Notspital-Personals befinden. Gemäss dieser Notiz wurden insgesamt 378 Patientinnen und Patienten medizinisch versorgt, der höchste Tagesbestand betrug 76 Personen.63 Welche Zählung richtig ist, lässt sich heute nicht mehr nachvollziehen.
Fast wöchentlich gab die Gesundheitskommission in der Zeitung die Belegung des Notspitals bekannt. Die Zusammenstellung in der Grafik verdeutlicht, dass Mitte November zunächst ein Rückgang der Erkrankten festzustellen war und im Anschluss ein starker Anstieg bis um die Weihnachtstage stattfand.64 Die fast 70 Patientinnen und Patienten, die zu dieser Zeit im Notspital waren, durften wegen der Ansteckungsgefahr nicht nach Hause zu den Familien. «Mildtätige Hände haben es möglich gemacht, dass das Christkind auch im Notspital Einkehr halten kann», und so gab es dank Spenden auch für die Kranken eine «Weihestunde».65
Notspitäler wie dasjenige in Wädenswil gab es in der ganzen Schweiz, sehr häufig wurden dazu Schulräume umgenutzt. In der Region gab es solche Einrichtungen in Meilen, Thalwil – «ein hübsch eingerichtetes Grippe-Asyl» –, Adliswil, Horgen und Rapperswil. Gemäss Bundesbeschluss waren die Notspitäler subventionsberechtigt, indem der Bund anschliessend die Hälfte der Kosten übernahm.66
Die zweite Welle der Grippe zog sich länger hin und war geprägt von einem Auf und Ab, auf das die Gesundheitskommission stets reagieren musste. Als Anfang November ein leichter Rückgang der Erkrankungen feststellbar war, wiederholte die Behörde die «Vorbeugungsmassnahmen», da «von einem Erlöschen» noch nicht gesprochen werden könne. Die Gottesdienste waren zwar wieder erlaubt, «der Gesang hat jedoch zu unterbleiben». Ausserdem blieben alle anderen Veranstaltungen, Turn- und Musikproben verboten und die Schulen geschlossen.67
Der viertägige Landesstreik, der auch in der Arbeiterschaft von Wädenswil grossen Zuspruch erhielt, sorgte Mitte November für grosse Versammlungen – auch auf der Gegenseite. Die Gesundheitskommission bemerkte: «Die befürchtete Zunahme der Grippe ist während des Generalstreiks eingetreten. Starke Menschenansammlungen haben bei den Sozialisten & Bürgerlichen stattgefunden & somit ist hüben & drüben gefehlt worden.» Auf Anfrage beim Kanton, ob jemand zu bestrafen sei, lehnte dieser ab. «Die Behörde geht darum mit Stillschweigen über die Angelegenheit hinweg.»68 Anders als an anderen Orten der Schweiz wurde der Streik damit in Wädenswil wenigstens in Bezug auf die Grippe nicht zusätzlich politisch ausgeschlachtet.69 Im Anschluss nahmen die Grippefälle wieder zu und gegen Ende November beklagte auch die Gemeinde Schönenberg mit dem Senn Adolf Bartholdi im Müsli ein erstes Todesopfer. Er war wie der 22-jährige Heinrich Schärer aus Hütten krank aus dem Militärdienst zurückgekehrt und kurz darauf verstorben.70
Mit der steigenden Zahl der Infizierten verschärfte die Kommission die Massnahmen wieder. Gottesdienste und Schulen waren diesmal nicht betroffen, mit Ausnahme der Haushalte, in denen sich Kranke befanden. Diese Schülerinnen und Schüler hatten zuhause zu bleiben, um eine weitere Ausbreitung zu verhindern. Eine Verwarnung der Gesundheitskommission für einen Verstoss gab es für Herrn Baur vom Schützenhaus im Steinacher, der eine Horgner Hochzeitsgesellschaft «bis tief in die Nacht hinein» bewirtet hatte. Andere wiederum nutzten die nur lokal geltenden Vorschriften. So traf sich eine Gruppe junger Leute aus Wädenswil zur Gründung einer Jungbürger-Vereinigung in Horgen, da dort «infolge des dort günstigeren Standes der Grippe-Epidemie» das Versammlungsverbot nicht galt.71
Unterdessen forderte die Grippe im Dezember weitere junge Todesopfer. Beispielsweise die 28-jährige Emilie Felber-Hoster, die 21-jährige Frida Schorno-Zgraggen, der erst elf Wochen alte Walterli Zollinger oder der 18-jährige Paul Blattmann erlagen der unerbittlichen Krankheit. Letzterer stammte aus der Industriellenfamilie von Heinrich und Hedwig Blattmann-Ziegler vom Grünenberg, Inhaber der Stärkefabrik. Das zeigt, dass die Grippe Personen aller Bevölkerungsschichten betraf. Gut möglich, dass der schmerzliche Verlust eines Sohnes die Familie zur Spende von 100 000 Franken bewog, die der «Fonds für ein Absonderungshaus» des Krankenasyls in diesem Jahr erhielt.72
Am Ende des Jahres hob die Gesundheitskommission aufgrund des Rückgangs der Grippefälle die Massnahmen weitgehend wieder auf – bis auf das Tanzverbot. Man plante, die Mitte Dezember frühzeitig geschlossenen Schulen auf den 6. Januar wieder zu öffnen, wies jedoch ausdrücklich darauf
hin, dass Schülerinnen und Schüler, bei denen es Kranke in der Familie gab, von der Schule ausgeschlossen seien.73 In der Folge ging im Laufe des Januars die Zahl der Erkrankten stetig zurück, allerdings nur langsam. Weiterhin starben Menschen an der Grippe und die Belegung des Notspitals blieb hoch. Die Aufhebung des Versammlungsverbots führte dazu, dass «Vereinszusammenkünfte in gewohnter Weise wieder vor sich gehen», etwa als die gut besuchte Jahresversammlung der Lesegesellschaft stattfand.74 Erst Ende Januar gab es aber offizielle Entwarnung: «Auf Grund der ärztlichen Rapporte erachtet die Gesundheitskommission die Grippe-Epidemie in Wädenswil für erloschen. Demgemäss werden alle bezüglichen Verordnungen, incl. Das Tanzverbot, aufgehoben.»75 Das Notspital wurde geschlossen, die verbliebenen vier Kranken ins Krankenasyl überwiesen und das geliehene Mobiliar den Besitzern zurückgegeben. Vor der Übergabe wurden die Schulzimmer desinfiziert.
Für die Gesundheitskommission normalisierte sich der Sitzungsrhythmus wieder auf ein Treffen pro Monat. Die Grippe allerdings meldete sich immer wieder zurück. Vom See und aus der Stadt Zürich war wiederholt von Häufungen der Erkrankungen zu hören. In Wädenswil schien allerdings «Der böse Geist der ‹Grippe› […] gebannt zu sein» und die «seit Monaten lahmgelegte Vereinstätigkeit» konnte sich wieder entfalten. Für die Fasnacht Anfang März 1919 war die Zeitung jedenfalls wieder voll mit Inseraten für die beliebten Tanzveranstaltungen. Es herrschte allgemeine Ausgelassenheit, «nach jahrelangem Druck des unseligen Krieges und momentan der Grippegefahr enthoben», wie ein Inserat des Sängerbunds bemerkte und zur Abendunterhaltung einlud.76 Dennoch war die Gefahr noch nicht gebannt und immer wieder flackerte die Grippe auf und forderte ihre Opfer. Noch Ende März erlag der Maschinenmeister des Elektrizitätswerks Waldhalde, Wilhelm Guhl, «im schönsten Mannesalter von 41 Jahren» in Schönenberg einer Lungenentzündung. Am 21. März 1919 starb der Wädenswiler Dichter Karl Stamm im 28. Lebensjahr. Ihm widmete die Gemeinde später einen Weg in der Nähe des Friedhofs.77
Anfang April fiel ausserordentlich viel Schnee. Am See mass man bis zu 60 Zentimeter, aus Einsiedeln meldete man gar einen Meter.78 Es scheint, dass mit dem Schnee sich auch die tödlichste Pandemie des 20. Jahrhunderts auf leisen Sohlen davonmachte, so unerwartet, wie sie gekommen war. Bald wandte man sich anderen Themen zu, etwa der bevorstehenden Gemeindewahl mit der Frage, wie viele Sitze den Sozialdemokraten nach den Streikereignissen zustünden. Oder der drängenden Wohnungsnot, deren Lösung sich als besonders dringend erwies. Andere Sorgen liessen die Epidemie bald in Vergessenheit geraten – auch in der allgemeinen Erinnerung. Und natürlich standen die Ostertage vor der Tür, an denen viele Gasthöfe in Wädenswil, Schönenberg und Hütten zum Tanz luden.79
145 Der sogenannte Grenzdienst zu verhältnismässig unbeschwerten Zeiten, ca. 1916. Postkarte, von Paul Rellstab (1893–1972) an seine Eltern geschickt.
146 Mitte Juli 1918 beklagten Wädenswil und Hütten die ersten an der Grippe gestorbenen Soldaten.
148 Ende Juli sprachen die Gesundheitskommission Wädenswil und der Gemeinderat Schönenberg erste Verbote aus.
151 Das Elektro-Krankenmobil Marke Tribelhorn, eine Fabrikation aus dem Zürcher Oberland, war seit Mitte Oktober 1918 im Einsatz.
152 Inserat für Grippeschutzmasken, 26. Oktober 1918.
154 Die Familie Weinmann an der Stegstrasse verlor vier Kinder, die an der Grippe erkrankt waren.
155 Als die zweite Grippewelle Wädenswil erfasste, verboten die Behörden Versammlungen und schlossen die Schulen.
156 Gruppenbild des Notspital-Personals vor dem alten Eidmattschulhaus. In der Mitte links Dr. Josef Hess, rechts der Verwaltungschef Hans Häberling.
157a Der ärztliche Leiter des Notspitals, Dr. Josef Hess (1875–1933).
157b Der Eingang des Eidmattschulhauses zum Grippe-Notspital mit Pflegerin und möglicherweise Dr. Hess. Auf der Türe ist ein Verbotsschild angebracht: «Grippe-Notspital – Eintritt verboten!»
159 An Weihnachten beherbergte das Notspital rund 70 Personen, die wegen der Ansteckungsgefahr nicht zu ihren Familien nach Hause durften. Vermutlich handelt es sich hierbei um ein Erinnerungsstück.
160 Paul Blattmann aus der Familie der Stärkefabrikanten zum Grünenberg starb 18-jährig an der Grippe.
161 Die zweite Welle riss auch viele zivile Opfer in den Tod.
162 Nach der Aufhebung des Notspitals Ende Januar konnte das geliehene Mobiliar zurücktransportiert werden. Beim Fahrzeug handelt es sich wie beim Krankenauto um einen Elektro-Wagen der Marke Tribelhorn.
163 Am 21. März 1919 starb der Wädenswiler Dichter und Lehrer Karl Stamm an der Grippe im 29. Lebensjahr. Nach ihm ist im Eichweid-Quartier ein Weg benannt.
Anmerkungen
AAZ: Allgemeiner Anzeiger vom Zürichsee
DOZ: Dokumentationsstelle Oberer Zürichsee
1 DOZ, LC 15, Chronik der Lesegesellschaft 1918, S. 179.
2 Andreas Tscherrig, Krankenbesuche verboten! Die Spanische Grippe 1918/19 und die kantonalen Sanitätsbehörden in Basel-Landschaft und Basel-Stadt, Liestal 2016, S. 37. Christian Sonderegger, Grippe, in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/022714/2017-12-21/, konsultiert am 2.9.2020.
3 Sonderegger und Bundesamt für Statistik (BFS), Todesfälle in der Schweiz auf Rekordniveau: Die Spanische Grippe von 1918, https://www.bfs.admin.ch/bfs/de/home/statistiken/bevoelkerung/geburtentodesfaelle. assetdetail.6467464.html, konsultiert am 17.3.2020. Armin Rusterholz, «Das Sterben will nicht enden!»: Die «Spanische Grippe-Epidemie» 1918/19 in der Schweizer Armee mit besonderer Berücksichtigung der Glarner Militäropfer, in: Jahrbuch des Historischen Vereins des Kantons Glarus 90/2010, S. 9–201, S. 9.
4 BFS, S. 3. Rusterholz, S. 56. Tscherrig, S. 36f. Vgl. Sonderegger.
5 Martin A. Senn, Wie ein Dieb in der Nacht, in: NZZ Geschichte 15/2018, S. 39–42, S. 40. Rusterholz, S. 10.
6 Rusterholz, S. 10. Tscherrig, S. 26 und 74f.
7 Senn, S. 40. Tscherrig, S. 16. Vgl. auch Erwin Horat, «Gedenket heute unserer lieben Verstorbenen! Wählt nicht sozialistisch, wählt konservativ!!»: Die politische Landschaft der Zentralschweiz nach dem Ersten Weltkrieg zwischen grippetoten Soldaten und «bolschewistischer Gefahr», in: Der Geschichtsfreund, (159) 2006, S. 166–328, doi:10.5169/seals-118804.
8 Peter Ziegler, 125 Jahre Samariterverein Wädenswil: 1889 bis 2014, in: Jahrbuch der Stadt Wädenswil 2014, S. 65–94. Peter Ziegler, Wädenswil, Bd. 2, Wädenswil 1971.
9 Tscherrig, S. 57. Rusterholz, S. 72.
10 AAZ, 8.7.1918, 1.7.1918, 12.7.1918.
11 AAZ, 10.7.1918.
12 AAZ, 12.7.1918.
13 AAZ, 17.7.1918, 19.7.1918.
14 AAZ, 19.7.1918. Tscherrig, S. 26f.
15 AAZ, 19.7.1918, 31.7.1918. Rusterholz, S. 74ff., 97. Tscherrig, S. 71.
16 AAZ, 28.10.1918, 11.1.1919. Rusterholz, S. 105ff.
17 Tscherrig, S. 59. AAZ, 19.7.1918, 26.7.1918.
18 AAZ, 10.4.1916. Vgl. auch Mariska Beirne, Christian Winkler, Wädenswil 1916 – eine Zeitreise, in: Jahrbuch der Stadt Wädenswil 2016, S. 101–127, S. 102f.
19 Stadtarchiv Wädenswil, IV B 26.4, Protokoll der Gesundheitskommission Wädenswil, 1911–1920 (in der Folge «Protokoll GKW»), S. 464; AAZ, 5.4.1916.
20 Stadtarchiv Wädenswil, II B 18.04.10.
21 Stadtarchiv Wädenswil, Abteilung Schönenberg, IV B 7.1, Protokoll der Gesundheitskommission Schönenberg, 1877–1937. Stadtarchiv Wädenswil, Abteilung Hütten, IV B 18.2, Protokoll der Gesundheitskommission Hütten, 1911–1946.
22 Rusterholz, S. 10 und 62. AAZ, 26.7.1918, 23.10.1918.
23 AAZ, 6.7.1918, 29.7.1918, 10.8.1918.
24 AAZ, 20.7.1918, 2.8.1918, 14.10.1918, 2.11.1918, 29.1.1919, 2.11.1918, 11.1.1919, 13.1.1919. Vgl. auch Tscherrig, S. 160ff.
25 AAZ, 27.7.1918, 26.10.1918, 23.10.1918.
26 Protokoll GKW, S. 480.
27 AAZ, 12.10.1918; AAZ, 23.10.1918; Stadtarchiv Wädenswil, IV B 25, Kopierbuch der Gesundheitskommission 1875–1929, S. 497. Martin Sigrist, Johann Albert Tribelhorn und sein Erbe bei EFAG und NEFAG: Pioniergeschichte des elektrischen Automobils, Schweizer Pioniere der Wirtschaft und Technik, Bd. 93, Zürich 2011, S. 44.
28 AAZ, 23.10.1918.
29 Rusterholz, S. 62. AAZ, 26.10.1918.
30 DOZ, LC 15, Chronik der Lesegesellschaft 1918, S. 179.
31 AAZ, 2.8.1918, 3.8.1918. Vgl. auch Tscherrig, S. 59.
32 AAZ, 6.9.1918, 2.10.1918. Karl Kuprecht, Die Naturheilanstalt Fellenberg, in: Karl Kuprecht, Walter Imhof, Erlenbach: Geschichte einer Zürichseegemeinde, Erlenbach 1981, S. 56–65.
33 Tscherrig, S. 48f.
34 AAZ, 20.7.1918 und Protokoll GKW, 17.7.1918. Weiteres zur Umsetzung der Meldepflicht: Tscherrig, S. 50ff.
35 AAZ, 12.9.1918.
36 Tscherrig, S. 51f. Rusterholz, S. 71.
37 AAZ, 6.9.1918, 19.10.1918.
38 BFS, S. 4.
39 AAZ, 27.7.1918, 31.7.1918.
40 AAZ, 31.7.1918.
41 AAZ, 5.8.1918, 7.8.1918, 21.8.1918, 23.8.1918, 30.8.1918, 31.8.1918. Protokoll GKW, S. 466.
42 AAZ, 4.9.1918, 10.9.1918, 6.9.1918; AAZ, 9.8.1918. Vgl. auch Tscherrig, S. 74f.
43 Protokoll GKW, S. 465, 472.
44 DOZ, LC 15, Chronik der Lesegesellschaft 1918, S. 180. Peter Ziegler, 150 Jahre Seidenstoffweberei Gessner AG 1841–1991, in: Jahrbuch der Stadt Wädenswil 1991, S. 68.
45 AAZ, 22.7.1918, 27.7.1918, 31.7.1918, 25.9.1918.
46 AAZ, 15.7.1918, 24.7.1918, 26.7.1918. DOZ, LC 15, Chronik der Lesegesellschaft 1918, S. 179.
47 AAZ, 22.1.1919.
48 Protokoll GKW, S. 479. AAZ, 11.10.1918.
49 AAZ, 9.10.1918, 11.10.1918, 12.10.1918.
50 AAZ, 12.10.1918, 19.10.1918, 26.10.1918.
51 Protokoll GKW, S. 482.
52 Stadtarchiv Wädenswil, II B 18.04.10, Schreiben der katholischen Genossenschaft, 17.10.1918. Protokoll GKW, S. 481f.
53 Protokoll GKW, S. 483 und S. 495. Stadtarchiv Wädenswil, II B 18.04.10, Schreiben der katholischen Genossenschaft, 3.11.1918.
54 AAZ, 11.12.1918.
55 AAZ, 13.12.1918, 14.12.1918.
56 Protokoll GKW, S. 479.
57 AAZ, 14.10.1918, 19.10.1918. Protokoll GKW, S. 480. AAZ, 6.4.1919 (Jahresbericht des Krankenasyls).
58 AAZ, 21.10.1918. Protokoll GKW, S. 481f. Ziegler, 125 Jahre Samariterverein, S. 68ff.
59 Protokoll GKW, S. 480, 484f, 503f, 509. AAZ, 23.10.1918, 12.1919.
60 Protokoll GKW, S. 481ff.
61 AAZ, 20.12.1918, 23.12.1918, 3.1.1919, 6.1.1919, 9.1.1919. Protokoll GKW, S. 509, 523.
62 AAZ, 12.1919. Ziegler, 125 Jahre Samariterverein, S. 70.
63 Die Fotografie befindet sich im Fundus der Stadt Wädenswil, Inventar-Nr. 2889.
64 Die Angaben stammen aus dem AAZ der jeweiligen Tage.
65 AAZ, 21.12.1918.
66 Meilen: AAZ, 25.10.1918; Thalwil: AAZ, 26.10.1918; Adliswil: AAZ, 6.11.1918; Horgen: Horgner Jahrheft 1993, S. 14; Rapperswil: AAZ, 3.1.1919. Tscherrig, Krankenbesuche, S. 107.
67 AAZ, 6.11.1918, 8.11.1918. Protokoll GKW, S. 495.
68 Protokoll GKW, S. 498, 503.
69 Vgl. Horat und Rusterholz, S. 197f.
70 AAZ, 23.11.1918, 29.11.1918.
71 AAZ, 6.12.1918, 7.12.1918. Protokoll GKW, S. 503.
72 AAZ, 11.12.1918, 18.12.1918, 21.12.1918, 30.12.1918, 6.4.1919.
73 AAZ, 31.12.1918; AAZ, 3.1.1919; Protokoll GKW, S. 508.
74 AAZ, 20.1.1919.
75 AAZ, 31.1.1919. Protokoll GKW, S. 513f.
76 AAZ, 7.3.1919.
77 AAZ, 28.3.1919. Peter Ziegler, Wädenswiler auf Strassentafeln, in: Jahrbuch der Stadt Wädenswil 1975, S. 53f.
78 AAZ, 4.4.1919.
79 AAZ, 12.4.1919, 19.4.1919; Ziegler, Wädenswil Bd. 2, S. 64. Rusterholz, S. 199.