81 Neugut von Süden, nach der Restaurierung des Haupt- und Nebengebäudes. Links die Scheune von 1832, welche 1999 restauriert wird.
Die Hofgruppe Neugut mit biedermeierlichem Herrschaftshaus, kleinerem Nebengebäude und etwas abseits stehender Scheune liegt im Südosten von Wädenswil auf dem ostwärts gerichteten Hangsporn ob dem Reidbach gegenüber der Burgruine Alt-Wädenswil, nahe der Gemeindegrenze zu Richterswil.
Situationsplan. Massstab 1 : 2 500.
1 Vers.-Nr. 936 Schopf, erbaut 1895.
2 Vers.-Nr. 937 Nebengebäude mit Trotthaus, erbaut 1829/1835.
3 Vers.-Nr. 938 Doppelwohnhaus, erbaut 1816–1817.
4 Vers.-Nr. 939 Wagenschopf, erbaut 1881, abgebrochen.
5 Vers.-Nr. 940 Scheune, erbaut 1832, umgebaut 1871.
Im Jahre 1988 schrieb die Stadt Wädenswil ihre Liegenschaft Neugut, ein Schutzobjekt von regionaler Bedeutung, zum Verkauf aus mit der Auflage, dass die Gebäude nach denkmalpflegerischen Gesichtspunkten umgebaut und renoviert werden mussten. Der Käufer, zugleich Architekt, restaurierte die beiden Bauten in den Jahren 1992/93 zusammen mit der kantonalen Denkmalpflege. Das neue Nutzungskonzept sah die Trennung der zwei Hauptgeschosse des Wohnhauses und ihren Umbau zu Eigentumswohnungen vor. Das Dachgeschoss sollte nur soweit für Wohnzwecke umgestaltet werden, wie es bereits durch Kammern genutzt war. Der restliche erste und der ganze zweite und dritte Dachboden blieben unausgebaut. Dafür gestand man den neuen Eigentümern einen weiteren Ausbau des Ökonomiegebäudes zu.
82 Wohnhaus Neugut: Traufseite gegen Südosten mit symmetrischer klassizistischer Fassadengestaltung.
Auf der Hangterrasse südlich der Burg Wädenswil entstand im Mittelalter der grosse Rodungshof Lutringen. Er war im 13. Jahrhundert Eigengut der Herren von Wädenswil und gelangte 1281 durch Vermächtnis zunächst ans Kloster Frauenthal, 1302 durch Verkauf an das Johanniterhaus Bubikon und um 1320/30 an die neu errichtete Komturei Wädenswil. Als Zürich 1549 die Herrschaft Wädenswil erwarb, wurde das nunmehr mit einer Mühle versehene Lutringengut Erblehen unter der Oberhoheit des zürcherischen Staates. Die Bezeichnung Lutringen verlor sich in der Mitte des 16. Jahrhunderts. Dafür bürgerte sich der Name «Mühle unter den Eichen» oder kurzer «Eichmühle» ein. 1568 ist Hans Diezinger als Inhaber bezeugt. Dessen Nachfahren gerieten 1677 in Konkurs, und die Liegenschaft ging an die Familie Blattmann über, die in der Landvogtei Wädenswil in hohem Ansehen stand. Nach dem Tod des Eichmüllers und Landrichters Hans Jakob Blattmann im Jahre 1796 ebneten eine Reihe von Erbausscheidungen den Weg zur Gründung des Aussiedlungshofes Neugut auf dem Areal des alten Eichmühle-Gutes. Hans Kaspar Blattmann übernahm die Eichmühle mit Umschwung und Heinrich (1722–1827) baute in den Jahren 1816/17 für seine Familie einige hundert Meter südöstlich der Eichmühle das grosse, herrschaftliche Wohnhaus Neugut. 1829 wurde auf der Nordseite des Wohnhauses in paralleler Stellung dazu ein kleineres Nebengebäude errichtet und 1832 südlich des Wohnsitzes eine Scheune.
Nach dem Tode Heinrich Blattmanns (1805–1869) im Jahre 1869 trat der gleichnamige Sohn (1835–1914) die Nachfolge an. Durch einen Artikel in der «Schweizerischen Landwirtschaftlichen Zeitschrift» von 1874 gelangte das Neugut als Musterbetrieb zu überregionaler Bedeutung. Die moderne Bewirtschaftungsform wurde als vorbildlich gelobt. Ein durch Pferdegöpel in Schwung gesetztes Antriebswerk lieferte im Nebengebäude die Kraft zum Betrieb verschiedener Maschinen, so für die Obstmühle im Pressraum, den Futterschneidestuhl, den Schleifstein, die Holzfräse und die Schrotmühle. Nach 1874 wurde der gesamte Antrieb auf Wasserkraft umgestellt.
1911 übertrug Heinrich Blattmann den Gutsbetrieb im Neugut seinem Sohne Heinrich (1863–1935), und bereits 1921 ging er in den Besitz des Enkels Heinrich Blattmann (1891–1954) über. 1938 endete die Zeit der bäuerlichen Besitzer im Neugut. In diesem Jahr kaufte Prof. Dr. Robert Faesi die Liegenschaft, und 1969 veräusserten dessen Erben das gesamte Gut an die Gemeinde Wädenswil. Von dieser kam es 1988 an Fritz und Ruth Ostertag.
83a-e Oben links: Giebelfassade gegen Nordosten. Oben rechts: Traufseite gegen Südosten. Mitte links: Grundriss des Erdgeschosses mit Bodenbelägen und Deckentäfer. Mitte rechts: Traufseite gegen Nordwesten. Unten links: Querschnitt. Unten rechts: Längsschnitt mit Ansicht der Sparrenlage.
Das biedermeierliche Doppelwohnhaus Neugut (Vers.-Nr. 938) von 1816/17, ein klassizistischer Massivbau mit rechteckigem Grundriss und streng symmetrischer Fassadengliederung, erhebt sich über dem stark erhöhten Kellergeschoss mit zwei Voll- und zwei Giebelgeschossen und wird von einem mit Biberschwanzziegeln gedeckten Mansard-Giebeldach abgeschlossen. Die östliche Giebelseite weist zwei Kellerportale mit Sandsteingewänden und zweiflügligen klassizistischen Türen mit Oberlicht auf. Am südlichen Sturz ist das Erbauungsjahr 1816 eingemeisselt, am nördlichen der Hausname Neugut. Der weiche Gelbton des Fassadenverputzes, die nach Originalbefund dunkel gefassten Gewände der fein gesprossten Fenster und die weissen, vergipsten Dachuntersichten sind Ausdruck modernen herrschaftlichen Bauerntums. Die herkömmliche Innenausstattung dagegen führt mit Parkettböden, gestrichenem Täfer, Einbaumöbeln in Nussbaum und grünem Kachelofen altangestammte ländlich-barocke Formen weiter.
85 Die im Erdgeschoss gelegene südliche Stube mit Kachelofen und originalem Parkettboden.
Trotz Neuorganisation der Wohnungen und Auflagen der Feuerpolizei konnte das aus der Bauzeit stammende Innere mit höchster denkmalpflegerischer Sorgfalt und bemerkenswertem persönlichen Einsatz des planenden Besitzerehepaares erhalten und fachgerecht instandgestellt werden. Die originalen Fenster und Vorfenster wurden aufgearbeitet, und an der Decke der Eingangshalle, im Treppenaufgang und in der oberen Halle legte man einfache Dekorationsmalereien aus der Zeit um 1870 frei und konservierte oder rekonstruierte sie.
84a, b Eingangshalle des Wohnhauses (links) und Detail der aus der Zeit um 1870 stammenden Dekorationsmalereien an der Decke (rechts).
84c, d Links: Detail der Deckenmalerei aus der Zeit um 1870 im westlichen Mittelzimmer im Erdgeschoss des Wohnhauses. Rechts: Detail der aus der Zeit um 1870 stammenden Dekorationsmalereien an der Decke in der Eingangshalle des Wohnhauses.
Eine Treppenanlage verbindet das Wohnhaus mit dem nordwestlich davon gelegenen einstigen Ökonomiegebäude Vers.-Nr. 937. Durch den Abbruch späterer Anbauten wurde die verschachtelte Rückfassade im Zuge der Renovation beruhigt. Die Farbgebung des Aussenputzes, des Riegelwerks und der Fensterläden orientierte sich am Befund aus der Bauzeit. Das Dach hingegen erhielt eine Eindeckung mit naturroten modernen Ziegeln. Die neu aufgesetzten Mansarddachlukarnen in ungestrichenem Blech entsprechen heutigem Denkmalpflegeverständnis, wonach Eingriffe und Erneuerungen ablesbar bleiben und nicht künstlich gealtert werden sollen. Im Erdgeschoss und im Dachraum des Ökonomiegebäudes waren Wohnraumerweiterungen möglich.
86a Trotz Umnutzung hat das Ökonomiegebäude seinen Charakter weitgehend bewahrt.
Der Trottraum mit mechanischer Obstpresse dagegen wurde kaum angetastet. Er dient einerseits als Erschliessungs- und Durchgangsraum und andererseits als kleiner Versammlungsort für Feste und die beliebten Neugut-Konzerte.
86b, c Links: Restaurierte Wein- und Mostfässer im Keller des Hauptgebäudes. Rechts: Mechanische Obstpresse (System Bucher) im ehemaligen Trottraum des Ökonomiegebäudes.
Südlich des Wohnhauses liegt ein allseitig ummauerter, symmetrisch angelegter Zier- und Nutzgarten mit einem kleinen klassizistischen Brunnen. Und in der Anlage östlich des Hauses, seeseits der Neuguetstrasse, wurde der ursprüngliche Springbrunnen wieder hergestellt.
Seit der Renovation von 1992/93 ist das Neugut wieder der strahlende Wohnsitz der Biedermeierzeit. Er legt beredtes Zeugnis ab von seiner herrschaftlichen Vergangenheit und gereicht Wädenswil zur besonderen Zierde.
Die Liegenschaft Neugut ist als Schutzobjekt von regionaler Bedeutung eingestuft, die Scheune Vers.-Nr. 940 von 1832 als kommunales Objekt.
Christian Renfer, Das Neugut in Wädenswil – Die Geschichte eines Aussiedlungshofes des 19. Jahrhunderts. Jahrbuch der Stadt Wädenswil 1986, Wädenswil 1986, S. 65–83. – Christian Renfer/Ingrid Stockler, Das Neugut – Eine vorbildliche Restaurierung. Jahrbuch der Stadt Wädenswil 1994, Wädenswil 1994, S. 8–22.
Peter Ziegler
81 Kantonales Hochbauamt, Zürich
82 Kantonales Hochbauamt, Zürich
83a-e Kantonale Denkmalpflege, Zürich
84a-d Kantonales Hochbauamt, Zürich
85 Kantonales Hochbauamt, Zürich
86a-c Kantonales Hochbauamt, Zürich
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