Es war eine Zeit des Umbruchs, als Emil Kägi (1892–1959) vor 100 Jahren den Schritt in die Selbständigkeit wagte. Wirtschaftlich befand sich die Schweiz in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg in einer Krise. Hohe Arbeitslosenzahlen und internationale Währungsturbulenzen führten zu einem enormen Preisdruck. Erst 1924 setzte eine Erholung ein, die zu einer Prosperität führte, welche als «goldene Zwanziger» in die Geschichte eingingen.
Die Gründung einer Firma mitten in der Wirtschaftskrise brauchte Mut. Emil Kägi war mehrheitlich bei einer Pflegefamilie in Dietikon aufgewachsen, weil seine Eltern starben, als er noch klein war. Nach seiner Lehrzeit bei einem Schmied in Weggis fand er schnell Anstellungen bei grossen Firmen, für die er als Monteur und Installateur noch vor dem Ersten Weltkrieg viel unterwegs war. Für die Sanitärfirma Deco, die sämtliche sanitären Installationen des Luxushotels Negresco in Nizza lieferte, konnte er nach Südfrankreich reisen. Danach arbeitete er im Heizungsfach für die Maschinenfabrik Sulzer in Winterthur. Als er 28 Jahre alt war, machte er sich selbständig. Die Wahl fiel auf Wädenswil, weil sein Bruder beim hiesigen Gas- und Wasserwerk arbeitete.
113b oben: Firmengründer Emil Kägi (1892–1959).
Trotz der schwierigen Umstände gelang es Emil Kägi, mit einem Installationsgeschäft für Sanitär- und Heizungsanlagen Fuss zu fassen. Zu den ersten Arbeiten gehörten die sanitären Einrichtungen im Haus «Sonne», das damals renoviert wurde, sowie die Installationen in den Wohnbauten der Gessner AG an der Zugerstrasse. In den ersten Jahren als selbständiger Unternehmer war er froh, dass er für seinen früheren Arbeitgeber Sulzer gelegentlich mit dem Motorrad ins Wallis auf Montage fahren konnte und dadurch ein verlässliches Einkommen hatte. So konnte er 1923 die Liegenschaft «zum alten Engel» am Reblaubenweg 1 erwerben, wo sich das Unternehmen noch heute befindet.
113b Das Haus «zum alten Engel» (rechts), aufgenommen 1925 während des Doppelspurausbaus der Bahnlinie. Die Lage am See prägte die Begeisterung der Kägis für das Rudern.
Die wirtschaftliche Aufbruchstimmung ab 1924 übertrug sich auch auf den Firmengründer: Gemeinsam mit dem Architekten Hans Streuli meldete Emil Kägi ein Patent für einen Müllschlucker für Küchenabfälle und anderen Hauskehricht in Wohnhäusern an. Kägi kannte Streuli, der später eine steile politische Karriere bis in den Bundesrat machte, von der Sanierung des Hauses «Sonne». So lag es nahe, dass Streuli auch den Umbau des «alten Engels» zum neuen Firmen- und Wohnsitz übernahm. Im gleichen Jahr stellte Kägi mit Josef Christen ausserdem den ersten Monteur ein.
Der Müllschlucker blieb nicht die einzige Patentanmeldung Emil Kägis. Über 50 Patentschriften gehen auf ihn zurück. Mit Erfindergeist entwickelte er 1933 ein vorisoliertes Kupferrohr, das er unter der Marke «Vadina» vertrieb. 1941 erhielt er das Patent für einen elektrischen Auftau-Apparat, mit dem sich eingefrorene Wasserleitungen mittels Transformator aufwärmen liessen. Bis dahin hatte man dies meist mit dem Lötkolben unter erheblicher Feuergefahr gemacht.
114 1933 entwickelte Emil Kägi ein vorisoliertes Kupferrohr.
Vermarktet wurde das Gerät unter dem Namen «Krassin» – ein Name, der auf einen russischen Eisbrecher zurückging, der damals wegen einer Rettungsaktion für eine verunglückte Nordpolexpedition weltberühmt war. Die Idee für den Apparat soll Emil Kägi auf Montage im winterlichen Wallis gehabt haben.
Emil Kägis bedeutendste Erfindung stammt aus den späten 1930er-Jahren. Im Januar 1939 beschrieb er sie in einem Brief an einen Geschäftspartner: «Um einem alten Übelstand auf dem Heizungsgebiet zu begegnen, habe ich eine Konstruktion zum Patent angemeldet, welche dazu dient, den Feuerraum der Heizkessel nach Belieben zu verändern. Die verminderte Koksfassung bedingt eine bequeme Bedienung einerseits und eine nennenswerte Brennstoffeinsparung anderseits.»
Das System kam als «Carbo-Meno» auf den Markt. In den Jahren des Zweiten Weltkriegs, als Heizkohle rationierte Mangelware war, kam es wie gerufen. Indem mit einer feuerfesten Unterteilung die Brennkammer einer Kohleheizung verkleinert wurde, konnte man 25 bis 30 Prozent des Brennstoffs sparen. Um seine Erfindungen in der ganzen Schweiz zu vertreiben, suchte Emil Kägi, der in der Branche gut vernetzt war, aktiv Kontakte. Er gründete zusammen mit seinem Westschweizer Geschäftspartner Charles Pasche die Firma Procalor, die sich zu einem grossen Zwischenhändler im Sanitär und Heizungsbereich entwickelte. «Carbo-Meno» und «Procalor» wurden im Sommer 1944 ins Markenregister eingetragen.
Das lang anhaltende Wirtschaftswachstum in den Boomjahren nach dem Zweiten Weltkrieg führte in den 1950er- und 1960er-Jahren zu einer regen Bau- und Modernisierungstätigkeit. Den steigenden Wohlstand konnte man in Wädenswil am Steuerertrag ablesen: Obwohl die Bevölkerung zwischen 1950 und 1960 nur moderat von 10 155 auf 11 677 Einwohnerinnen und Einwohner anstieg, verdoppelte sich innerhalb dieses Jahrzehnts der Steuerertrag. Die Bautätigkeit sorgte bei Kägi + Co. für volle Auftragsbücher.
1959 starb Firmengründer Emil Kägi im Alter von 67 Jahren. 1937 hatte er Lilly Weidmann, Tochter der Meilibach-Wirtin, geheiratet. Sie hatten vier Söhne, von denen zwei ins Familienunternehmen einstiegen. Adrian Kägi war als ältester Sohn gerade 20 Jahre alt, als sein Vater starb. Direkt nach der Rekrutenschule musste er im elterlichen Geschäft leitende Funktionen übernehmen. Dass seine Mutter wie in vielen Handwerks- und Gewerbebetrieben die Buchhaltung führte, war ihm eine wichtige Unterstützung. Und es blieb bis 1993 so: Erst im Alter von 80 Jahren gab Lilly Kägi-Weidmann die Buchhaltung ab.
Als sein zwei Jahre jüngerer Bruder Hans nach seinem Lehrabschluss 22-jährig nach dem Motto «learning by doing» die Geschäftsleitung der Firma übernahm, hatte Adrian Kägi die Gelegenheit, die Meisterprüfung abzulegen, am Technikum zu studieren und danach – wie früher sein Vater – zwei Jahre bei Sulzer zu arbeiten.
115 Die vier Kägi-Buben in den 1950er-Jahren: Adrian, Christian, Peter und Hans (von links).
Anschliessend war die Reihe an Hans Kägi, sich weiterzubilden. Er legte 1966 die Meisterprüfung ab. Danach ging er auf Weltreise und anschliessend nach Lausanne, wo er zwei Jahre in einem Ingenieurbüro arbeitete. Danach kehrte er ins Familiengeschäft zurück.
Die beiden anderen Söhne von Emil Kägi schlugen hingegen andere Wege ein. Peter Kägi machte eine Kochlehre im Hotel St. Gotthard in Zürich. Anschliessend fuhr er als Koch auf Kreuzfahrtschiffen zur See. 1967 übernahm er – der Tradition seiner Grossmutter folgend – das Restaurant Meilibach in der Au. Christian Kägi wurde Primarlehrer, unter anderem in Wädenswil. Anschliessend war er Klavierlehrer, Reiseleiter und verfasste Sachbücher. Unter seinem Künstlernamen Christian Winter nahm er in den 1970er-Jahren verschiedene Schallplatten mit selbstkomponierten Liedern auf.
1971 teilten die Brüder Hans und Adrian Kägi die Geschäftsleitung. Während Adrian Kägi das Ingenieurbüro führte, leitete Hans Kägi das Installationsgeschäft. Die Firma hatte zu diesem Zeitpunkt zehn bis zwölf Mitarbeitende. Zu den grösseren Aufträgen gehörten die Heizanlagen in den damals neu erstellten Schulhäusern Gerberacher und Steinacher, im ABM-Gebäude und im Coop-Center. An diesem Punkt stellten sich die beiden Brüder die Frage: Vollgas geben und wachsen – oder ein Familienunternehmen bleiben und dafür Zeit für Familie, Freundschaft und Sport zu haben. Sie entschieden sich, eine überschaubare Familienfirma zu bleiben und bereuten diesen Entscheid nie.
116a Adrian und Hans Kägi auf dem See.
116b Während Adrian Kägi das Ingenieurbüro führte, leitete Hans Kägi das Installationsgeschäft.
Mit der Reorganisation war der Betrieb für die Herausforderungen der 1970er-Jahre gut gerüstet. Der Ölkrise von 1973 folgten schockartig steigende Energiepreise und eine scharfe Rezession. Gleichzeitig wurde nach dem starken Wirtschafts- und Bevölkerungswachstum der Hochkonjunktur auch der Umweltschutz zum Thema. Heizungsanlagen mussten energieeffizienter werden, um mit weniger Brennstoff dieselbe Wärmemenge zu erzeugen. Auf dem Heizungsmarkt gab es zahlreiche Entwicklungen. Neben der Brennwerttechnik – der Energierückgewinnung aus Abgasen – gewann auch die Wärmepumpe an Bedeutung. Zunehmend waren Alternativen zum Heizöl gefragt.
Hans und Adrian Kägi passten sich dem technischen Wandel und den Kundenbedürfnissen stets an, setzten jedoch auch auf Kontinuität und langjährige Beziehungen zu Kundinnen, Kunden und Mitarbeitenden. Fast alle von ihnen hatten schon die Lehre im Betrieb gemacht. Als 1997 die Mobiltelefone Einzug in den Alltag hielten, führte Kägi + Co. einen Pikett-Dienst ein. Im Jahr 2000 wurde die Procalor an die Westschweizer Firma Vescal verkauft, die später ihrerseits in der Meier Tobler Group aufging. Danach wurde der Markenschutz für Procalor nicht mehr erneuert und 2019 im Markenregister gelöscht.
2009 stieg Hans Kägis Sohn Claudio in dritter Generation ins Geschäft ein, tatkräftig unterstützt von seinem Vater und seinem Onkel sowie von Hans Waser, der seit 1988 Montageleiter war und mit seinem Fachwissen eine wichtige Schlüsselrolle spielte. Mit Blick auf den Generationswechsel kaufte Hans Kägi seinem Bruder Adrian dessen Anteil am Geschäft ab und wurde zum alleinigen Besitzer der Kägi + Co. Kurze Zeit später fiel Hans Waser gesundheitsbedingt aus. Weil sich Claudio Kägi noch in der Ausbildung zum Heizungstechniker befand, kamen organisatorische Herausforderungen auf die Firma zu. Mit Antonio Li Fraine übernahm 2015 ein erfahrener Monteur die Montageleitung.
117 Claudo Kägi (vierter von rechts) leitet das Unternehmen in dritter Generation.
Vor dem Hintergrund des viel diskutierten Klimawandels veränderte sich die Heizungs- und Gebäudetechnikbranche in den letzten Jahren erneut. Seit 2011 nimmt auf dem Heizungsmarkt die Bedeutung der Brennstoffzelle zu. Für die Versorgung der Haushalte mit Strom und Wärme werden Kraft-Wärme-Kopplungs-Brennstoffzellenanlagen angeboten, die mit Wasserstoff, Erdgas oder Methan betrieben werden können. Sie kommen vorwiegend in Neubauten zum Einsatz. Im Umbau- und Sanierungsgeschäft, auf das sich die Kägi + Co. konzentriert, schreitet der Umstieg auf erneuerbare Energien etwas weniger schnell voran, wobei die Sanierungs- und Heizkosten oft die treibende Kraft sind.
2020 waren eigentlich verschiedene Jubiläumsaktivitäten der Kägi + Co. vorgesehen. Doch aufgrund der Corona-Krise mussten sie verschoben werden. Die Auftragslage blieb indessen stabil. Dass die Disposition der Arbeitseinsätze inzwischen vollständig digitalisiert war, kam der Firma entgegen. Hans Kägi glaubt, dass die Digitalisierung notwendig ist, aber in einem Handwerksbetrieb an Grenzen stossen wird. Stolz ist die Firma, dass seit der Gründung vor 100 Jahren gegen 100 Lernende ausgebildet werden konnten. Dieser Trend setzt sich bis heute fort. Handwerk habe goldenen Boden, sagt man. Die Kägis sind froh, wenn der Boden silbern glänzt.
Angela von Lerber, fortissimo
Adrian Scherrer
113a Kägi + Co., Wädenswil
113b Kägi + Co., Wädenswil
114 Kägi + Co., Wädenswil
115 Kägi + Co., Wädenswil
116a Kägi + Co., Wädenswil
116b Kägi + Co., Wädenswil
117 fortissimo.ch