65 Das Simongut in der Vorderen Au: 1916 als Villa für Charles und Marguerite Simon erstellt, heute das Bildungszentrum für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der kantonalen Verwaltung.
Die Geschichte des Landsitzes auf der Vorderen Au ist in mancherlei Beziehung bemerkenswert. Heute beherbergt er das Bildungszentrum des Kanton Zürich. In früherer Zeit befand sich das Grundstück jedoch schon einmal im Besitz des Staates. Die Regierung wusste mit diesem Stück Land jedoch wenig anzufangen und beschloss 1840, sechs Jucharten an den Bauern Caspar Blattmann im Steinacher auf der Au abzutreten. Es entstanden in der Folge zwei Wohnhäuser und eine Scheune. Der nachfolgende Besitzer, Landwirt Rudolf Streuli, verkaufte 1893 an den Zürcher Arzt Theodor Egli-Sinclair. In der Wädenswiler Gemeindekarte von 1900 waren die nun nicht mehr landwirtschaftlich genutzten Bauten eingezeichnet. Die Bezeichnung «Villa» lässt vermuten, dass das Wohnhaus bereits einen nobleren Charakter aufgewiesen haben muss.
Von 1912 bis 1914 gehörte die Vordere Au Luisa Zadra-Nabholz. Sie veräusserte den Besitz 1914 dem Juristen Charles Simon. Dieser liess die alten Bauten abbrechen und während des Ersten Weltkrieges nach den Plänen des Basler Architekten Emil Faesch (1865–1915) ein herrschaftliches Haus mit Ökonomiegebäuden und Parkanlage erstellen, das «Simongut». In der Gedenkschrift, welche die Schweizerische Rückversicherung nach Simons Tod erstellen liess, ist ein Satz zu finden, den er gegenüber einem Geschäftsfreund geäussert haben soll: «Kommen Sie mit. Da unten gibt es ein altes Haus, das man bald abreissen wird. Das Land habe ich bereits gekauft. Zwei Dinge sind mir wichtig: Die Sonne und die Sicht. Ich möchte ein Haus aus den Steinen der Umgebung bauen, mit einer sonnendurchfluteten Halle, gegen Süden ausgerichtet, im Blick die Berge am Ende des Sees.»
Letzteres war Charles Simon als Berggänger und Mitglied des SAC Uto überaus wichtig. 1916 bezog er mit seiner Familie die Liegenschaft und fuhr jeweils mit der Bahn zum Arbeitsort, wo unter seiner Ägide kurz zuvor der markante Hauptsitz der Schweizerischen Rückversicherung (heute Swiss Re) am Mythenquai erbaut worden war. Die Bäume der Allee zwischen Eingangstor und Haupthaus sind heute noch Bergahorne und nicht etwa Platanen – möglicherweise auch dies eine Referenz an seine Passion.
Charles kommt als Sohn von Frédéric Simon, einem protestantischen Pfarrer, und der Schweizerin Louise Appenzeller am 25. März 1862 in Paris zur Welt und wächst in Mutterhaus und Niederbronn im Elsass auf. Er besucht das protestantische Lyceum in Strassburg und studiert ebenda Wirtschaftspolitik, Philosophie und Geschichte sowie in Heidelberg und Genf Rechtswissenschaften, die er mit dem Doktorat abschliesst. Die Rhonestadt als Studienort wählt er wegen ihrer Nähe zur Bergwelt, die er so sehr liebt. 1887 tritt er bei der kleinen Strassburger Versicherung «Alsatia» als Sekretär ein, wird aber bereits zu Beginn seines dritten Lebensjahrzehnts deren Chef. 1895 holt die Schweizerische Rückversicherung den gerade mal 33-Jährigen nach Zürich, wo er in der Funktion als Vizedirektor auch bei der Tochtergesellschaft «Prudentia» wirkt.
Nur fünf Jahre später wird er Direktor und 1919 Verwaltungsratspräsident, der er bis zum 11. Juni 1942, wenige Tage vor seinem Tod, bleibt. Kein anderer hat die Geschicke des Rückversicherers länger geprägt. Sein Auftrag: Die Gesellschaft vom kleinen Schweizer Unternehmen zum weltweit führenden Konzern zu formen. Dazu nutzt er sein hervorragendes weltumspannendes Netzwerk in der Versicherungslandschaft. Den ganzen Sommer 1894 ist er beispielsweise geschäftlich und mit der Eisenbahn in den USA unterwegs. Charles Simon wäre jedoch nicht er selbst, wenn er diese Gelegenheit nicht auch nutzen würde, um die Naturwunder der Yosemite und Yellowstone National Parks zu besuchen sowie die Viertausender nahe der kanadischen Grenze. Beeindruckt ist er auch von den mehrmaligen Fahrten durch die Rocky Mountains.
Potenzielle Geschäftspartner treffen sich zum Diner, sprechen über Politik, die schönen Künste und schliessen beim Digestif die Verträge. Risikobewertung wie heute üblich existiert nicht. Chancen und Unwägbarkeiten werden im persönlichen Gespräch eruiert. Das Versicherungsgeschäft ist noch ein klassisches «Gentlemen Business». Und Charles Simon ist ein solcher. Der Historiker Jean Rudolf von Salis nennt ihn «eine von Zürichs interessantesten und geistreichsten Persönlichkeiten». Er ist Pianist, Schöngeist, Alpinist, verkehrt mit literarischen Grössen wie André Gide, Paul Valéry und Thomas Mann und verbringt doch sein ganzes Arbeitsleben in der Versicherungsbranche, in der er als Autorität von internationalem Ansehen gilt. 1915 erwirbt er die Schweizer Staatsbürgerschaft.
66 Charles Simon (hier 1910) stand von 1900 bis 1942 an der Spitze der Schweizerischen Rückversicherung.
1896 heiratet er die 26-jährige Marguerite Kablé, die Tochter des aus dem Elsass stammenden Patrons eines angesehenen Handelshauses in Le Havre an der französischen Atlantikküste. Dank einem längeren Aufenthalt bei der Familie ihres Vaters Charles Kablé lernt sie Deutsch, was ihr an ihren neuen Wohnsitzen in Zürich und später auf der Halbinsel Au sehr zustatten kommt. Zusammen haben sie zwei Kinder. Tochter Jeanne Louise (1899–1982) und Sohn Pierre (1900–1957), der ebenfalls einmal den Rang eines Vizedirektors der Schweizerischen Rückversicherung bekleiden sollte. Jeanne, später mit dem Genfer Pierre Hatt (1890–1965) verheiratet und in Vandoeuvres am Genfersee wohnhaft, schenkt ihnen zwei Enkelinnen. Catherine Wynanda (*1919) und Céline Andrée (*1926).
Pikanterweise hatte auch Inez von Schulthess, die Tochter von Eric von Schulthess und ebenfalls aufgewachsen im Simongut, nach ihrer Heirat mit dem Westschweizer Yves Oltramare ihren Wohnsitz in Vandoeuvres. Es ist gut möglich, dass Jeanne Simons Töchter und Inez Oltramare-von Schulthess sich beim Spazieren oder beim Einkauf in dieser Genfer Gemeinde begegnet sind, ohne voneinander zu wissen, dass sie beide Zeit im Simongut verbracht haben und Nachkommen der einstigen Besitzer sind.
Charles Simon beherrscht vier Sprachen und gilt als Freund und Kenner der Literatur. In seiner Bibliothek stehen unzählige Klassiker. Bevorzugte Lektüre sind Werke von Goethe und von Stendhal. Er analysiert dessen Schaffen immer wieder von neuem und als am 5. Mai 1934 das Musée Stendhal in Grenoble eröffnet wird, hält Simon die Festrede. Für seine Forschungsarbeiten auf diesem Gebiet wird er 1932 von der Universität Zürich anlässlich seines 70. Geburtstages mit dem Doktor honoris causa geehrt.
Das Simongut wird dank seiner reichen Bibliothek, den auserlesenen Kunstgegenständen – im Haus hängen unter anderem Bilder von Manet und Hodler – und dem fürsorglichen Walten von Marguerite Simon zu einem Treffpunkt vieler Gelehrter, Diplomaten, Wirtschaftskapitäne, Bergsteiger und Schriftsteller. Thomas Mann notiert am 31. August 1935 in sein Tagebuch: «Mittags per Wagen zum Bellevue, wo wir Beidlers [Enkel von Richard Wagner] aufnahmen und mit ihnen an die andere Seite des Sees, gegenüber Stäfa, zu Besuch des Präsidenten Simon und seiner Tochter fuhren. Prächtige Besitzung, reiches Haus. Déjeuner und Aufenthalt im Garten am See.»
68a Entsprechend der (englischen) Mode war das Simongut bis unter das Dach mit Efeu überwachsen.
Auch der Schweizer Historiker Ernst Gagliardi (1882–1940) zählt zu dem Kreis, der sich, wie Simon einmal niederschreibt, «an Sonntagen zur geselligen Speiserunde einfand, um ernste, heitere Gespräche zu führen.» Die Gäste sind, meint er, «freien Geistes, von Liebe zur Literatur, zur bildenden Kunst und zu allem Schönen erfüllt. Gagliardi wie auch ich zur Musik. Man erging sich an den Gestaden des Sees im Anblick einer Landschaft, die zu den Köstlichen zählt.» Die Villa ist zu dieser Zeit im Stil eines englischen Landhauses fast gänzlich von Efeu umrankt. Der der Freitreppe vorgelagerte Lustwandelgarten ist von zwei Pappeln flankiert. Als «homme de lettres» ist Charles Simon selbstredend auch Mitglied der Lesegesellschaft Wädenswil.
Alpinismus ist Charles Simons Lebenselixier. In seinem 1932 im Orell Füssli Verlag erschienenen Buch «Erinnerungen und Gedanken eines alten Bergsteigers» schildert er, wie er als 18-Jähriger im August 1880 mit 300 Franken im Sack, einem väterlichen Geschenk zur bestandenen Matur, zu seiner ersten mehrwöchigen Reise auszieht, um die Schweizer Berge zu entdecken. Manche Gipfel sind damals noch unbestiegen und ins Zielgebiet gelangt man mit der Postkutsche, der Diligence, oder mit einem gemieteten «Wägeli», worunter ein Pferdefuhrwerk mit Kutscher zu verstehen ist. Zu diesem Zeitpunkt befindet sich der Gotthard-Tunnel noch im Bau (Eröffnung am 1. Juni 1882).
Wenige Wochenenden vergehen, an denen er sich nicht in seinen geliebten Bergen aufhält. So gelingt ihm zusammen mit René König im März 1893 die Winter-Erstbesteigung des Morgenhorns (3629 m) und am Osterdienstag 1894 mit zwei Zermatter Führern jene des Matterhorns. Die Zweitbesteigung im Winter erfolgt dann erst 1911. Und selbstredend steht er eines Tages auch auf dem Mont Blanc, dem höchsten Berg Europas.
Während dem Ersten Weltkrieg ist Simons Radius allerdings auf die Schweizer Alpen begrenzt. Doch auch Naheliegendes weiss er zu schätzen: «In Zürich niedergelassen, galten meine Sonntage zunächst der Umgebung, dann entdeckte ich die Voralpen, die ich leidenschaftlich lieb gewann und immer lieben werde. Sie wurden meine Domäne vom Vierwaldstättersee bis ins Appenzellerland. Keine Spitze, wenig Grate, die ich nicht betreten habe. An unzähligen Sonntagen bis in mein Alter sahen sie mich als einsamen Gänger, in früheren Jahren manchmal von meinem Söhnlein begleitet. Welch schöne Erinnerungen habe ich aus den Wägitaler Alpen, aus dem Riemenstalder-, aus dem Muotatal, dem oberen Sihltal und den Glarner Vorbergen.
68b Charles Simon um 1930 in den Voralpen.
Manch lustiger Erlebnisse erinnere ich mich aus diesen Fahrten. Ich pflegte auf meinen Touren kein Sportkostüm zu tragen, sondern alte Kleider bequem auf dem Leib, nichts zu verderben daran und gut genug, um in Stadeln im Heu zu schlafen, was ich stets mit Wollust tat. ‹Aber Kleider machen Leute› und umgekehrt. Es machte mir Spass, wenn ich für einen armen Teufel oder Landstreicher oder noch Schlimmeres gehalten wurde. Eines Sonntagmorgens war ich mit dem Gotthardschnellzug nach Flüelen gefahren mit einem Retourbillet zweiter Klasse, da der Zug keine dritte Klasse führte. Als ich mich auf der Rückreise anschickte, in die zweite Klasse einzusteigen, liess sich die Hand des Schaffners auf meine Schulter nieder und ich hörte die Worte: ‹Da ghöred Sie nid inne, dört ischt dritte Klass.›
Sehr gerührt war ich, als mir eines Tages im obern Tösstal die Wirtin eines kleinen Gasthauses für die genossene Suppe mit Siedfleisch nichts annehmen wollte und frug, was ich für Arbeit suche. Und einmal passierte mir, als ich an einem Sonntagabend vom Hoh-Rhone heimwärts wanderte, dass ich auf der Strasse, unweit Hirzel, von zwei Kantonspolizisten in Zivil arretiert wurde, die nach einem Raubmörder suchten und meinten den Übeltäter vor sich zu haben. Ich beteuerte, ein unbescholtener Mann, ja der Direktor der Rückversicherungsgesellschaft in Zürich zu sein. Das machte keinen Eindruck. ‹Das glaubed mir Ihne nüd›. Wohl aber, dass ich ausser Pfeife und einer Nickeluhr nur wenige Franken auf mir hatte, also keine Beute vom Raub. So wurden schliesslich die beiden Polizisten an mir als Raubmörder irre und liessen mich laufen, nachdem sie mich peinlich verhört und meine Aussagen aufgeschrieben hatten. Ich war naiv genug, mich beim Zürcher Justiz- und Polizeidepartement über die mir angetane Unbill zu beschweren, ohne Erfolg natürlich. Ob meine scharfe Kritik der mangelhaften physiognomischen Schulung der Zürcher Kantonspolizei Wirkung gehabt hat, weiss ich nicht. Immerhin bin ich nie wieder als eines Verbrechens verdächtig gehalten worden.»
Was würde Charles Simon wohl gesagt haben, wenn er damals gewusst hätte, dass Zürcher Kantonspolizisten ein Jahrhundert später in seinem Haus Seminare für Konfliktmanagement besuchen?
Simon hat zwei Seelen in seiner Brust. Beruflich und als Gastgeber ist er der Noblesse verpflichtet, fährt standesgemäss gekleidet zur Arbeit und lebt das Leben eines Grandseigneurs. Fährt er jedoch in die Berge, ist ihm jeglicher Luxus suspekt und inkognito zu reisen ein Muss. Da wird er zum Traditionalisten und Romantiker, der mit Genuss das einfache Leben zelebriert und sich gerne über modernistische Strömungen im Alpinismus mokiert.
«Heustadel statt Klubhütten, Einsamkeit und Stille statt Holzschuh- und Geschirrlärm» ist sein Credo. Ihm war zeitlebens ein Biwak, eingewickelt in eine Wolldecke unter freiem Himmel, oder ein einsamer Schober lieber als lärmige Geselligkeit. Die Gastlichkeit und reichhaltigen Speisekarten der Tiroler Berghäuser, welche Bier vom Fass selbst auf über 2000 Meter zapfen, beeindrucken ihn aber gleichwohl. So notiert er in seinem Buch: «Bemerkenswert ist die Kunst der Österreicher und Reichsdeutschen, wie man sie in den Bayrischen Alpen und im Tirol trifft, sich in pittoresker Weise zu kostümieren und den Naturgenuss mit Essen und Trinken zu kombinieren. Wir Schweizer sind viel weniger kultiviert und von einer spartanisch-primitiven Bedürfnis- und Anspruchslosigkeit, nicht nur in der Kleidung. Mir selbst allerdings sagt diese Einfachheit heute noch zu, und es ärgert mich, wenn ich jungen Alpinisten begegne mit Kochapparaten auf dem Rucksack.»
Seine erbrachten Leistungen gerade im Alpinismus sind umso erstaunlicher, da er von sich selbst in aller Bescheidenheit sagt: «Du bist kein Alpinist, kein Techniker, nur ein Berggänger oder, um einen Grad besser: ein Bergsteiger». Und weiter: «Ich habe es nie verstanden mit dem Seil recht umzugehen, auch nicht mit den Steigeisen. Schon das Anlegen, eine dornenvolle, schwierige Aufgabe! Das Stufenschlagen war noch weniger meine Stärke und im Eis war ich kein Akrobat. Steigen und Klettern, das war meine Passion. Im Schneestapfen stellte ich meinen Mann, auch im Winter ohne Schneereifen, ehe die Ski in Gebrauch kamen. Hinaufund hinunterlaufen konnte ich so schnell wie nur einer. Hätte ich Buch geführt, so dürfte ich wohl manchen Rekord renommieren – wenn er nicht inzwischen geschlagen worden ist. Merkwürdig, ich möchte es eine Ironie des Schicksals nennen: Mir, dem untechnischen Bergsteiger, der nicht mit Seil und Steigeisen umzugehen verstand, ist auf vielen Hunderten von Fahrten und Besteigungen nur ein einziges Mal ein kleiner Unfall zugestossen!» Ein vom Vorsteiger losgetretener Stein quetschte ihm einen Finger.
Ohne Unterstützung von Marguerite wäre es ihm wohl kaum möglich gewesen, seiner Passion in solch intensiver Weise nachzugehen. Sie hält ihm den Rücken frei, führt die Bediensteten, pflegt den Blumengarten und stellt ihm den Rucksack mit dem Proviant bereit, wenn es ihn wieder ins Gebirge zieht. Als Getränk dient in den Wintermonaten Wein, denn Wasser oder Tee wären bei null Grad gefroren, der Thermoskrug noch nicht gebräuchlich. Marguerite ist das Herz des Simongutes.
Im Nachruf werden ihre Wesenszüge wie folgt beschrieben: «Wahrheit, Treue, Festigkeit des Charakters, Hingabe bis zur Aufopferung an die ihrigen und an die gewissenhafte Erfüllung der von ihr erkannten Pflichten. Güte und Freundlichkeit gegen jedermann waren Eigenschaften, die ihrer Natur entsprachen. Ihr Haus stand unter dem Zeichen der Gastlichkeit, in den Ferien besetzt von den Kindern und Kindeskindern, von Verwandten und Freunden. Es herrschte dann ‹grosser Betrieb›. Zu allen Jahreszeiten waren ihr Gäste willkommen. Das ‹Goldene Buch› des Hauses legt Zeugnis ab von vielen Besuchern, Künstlern, Schriftstellern, interessanten, ja berühmten Persönlichkeiten aus der Schweiz und dem Ausland. Wie beliebt sie war, zeigt eine Inschrift darin: ‹Ce qu’on aime à l’Au, c’est Madame Simon.›» Und eine weitere Notiz im Nachruf: «Im Gutes tun erlahmte sie nie. Rührend ist der an sie gerichtete Dankbrief des Hauptmanns einer Walliser Kompanie, die im Herbst auf der Au Quartier bezogen hatte.»
70 Marguerite und Charles Simon auf Reisen.
Bis zu seinem 70. Altersjahr hat Charles Simon den Alpenbogen durchwandert, durchklettert und etliche Viertausender bestiegen. Von den Dolomiten bis in die Dauphiné, die Gebirgsgegend zwischen Grenoble und Briançon, und selbst in den Pyrenäen steht er auf Gipfeln. Natur, Berge, Arbeit und Familie bilden für ihn eine Einheit. «Wenn ich meinen Grabspruch selber verfassen könnte, würde ich folgende Worte eingravieren lassen», sagt er einmal zu einem Bergsteigerkollegen: «Il était père de famille par amour, réassureur par nécessité et alpiniste par passion.» Das schlichte, schwarze Steinkreuz am Familiengrab auf dem Friedhof Wädenswil, das 2016 aufgehoben wurde, trug leider keine solche Inschrift.
Als es ihm altershalber versagt ist, weiterhin Berge zu besteigen, lässt er sich vom Luftfahrtpionier und gelernten Fotografen Walter Mittelholzer mehrmals über die Alpen bis hinunter in den Dauphiné fliegen, um ihnen nahe zu sein und die von ihm erklommenen Gipfel von oben zu sehen. Möglicherweise entstand bei dieser Gelegenheit auch die Flugaufnahme seines Besitzes. Eine weitere Ironie des Schicksals könnte man auch darin sehen, dass Mittelholzer nicht etwa bei einem Flugunfall ums Leben kam, sondern anlässlich einer Klettertour in der Steiermark, bei der er 1937 mit seiner Seilschaft abstürzte, während Charles Simon, dem «untechnischen Bergsteiger», eine solche Tragik erspart blieb.
71 1927 nahm Flugpionier Walter Mittelholzer die Halbinsel Au aus der Luft auf. Das Bild zeigt den Park des Simonguts in seinem ursprünglichen Zustand.
Am Tage nach seinem 80. Geburtstag, am 26. März 1942, lässt er seinen langjährigen Bergfreund König kommen, um mit ihm ganz allein einen Nachmittag in Bergerinnerungen zu schwelgen. Der schönste Lohn des Bergsteigers, meint Simon, sei der Schatz der Erinnerungen. Von diesem Fundus zehrt er, als ihn die Gebresten in den letzten zehn Lebensjahren an Haus und Stuhl und schliesslich sogar ans Bett fesseln. Simon stirbt bald danach, am 22. Juni 1942, in seinem geliebten Haus. Seine Frau Marguerite war ihm im Tod vorausgegangen. Sie starb im 70. Lebensjahr am 23. Dezember 1939 völlig unerwartet.
Die Erben Jeanne und Pierre Simon verkaufen das Simongut 1950 an Eric von Schulthess-Rechberg-Paravicini, der als ältester von drei Söhnen im Schloss Au aufgewachsen ist und nun ein standesgemässes Domizil für seine Familie sucht. Wie sein Vater Hans von Schulthess-Rechberg-Bodmer ist Eric in der Finanzwelt zu Hause, macht eine Lehre beim Schweizerischen Bankverein und arbeitet sich vom Angestellten bis zum Direktor des ältesten Zürcher Geldinstitutes, der Bank Leu, hoch. Später sitzt er in deren Verwaltungsrat. Ebenso wie er in den Verwaltunsräten der Zürich, der Vita, der Papierfabrik Sihl und verschiedener Textilfirmen und ausländischer Brauereien sitzt.
Er ist seit 1939 mit Jacqueline Paravicini verheiratet, der Tochter des Schweizer Botschafters Charles Paravicini in London, wo er sie auch kennenlernt. Mit ihr hat er zwei Kinder. Tochter Inez und Sohn Eric Robert Adrian. Die Heirat hätte eigentlich im Sommer 1939 stattfinden sollen. Doch da bricht der Zweite Weltkrieg aus und Eric von Schulthess muss mit seiner Kavallerieschwadron einrücken. Im ersten Urlaub, im Oktober desselben Jahres, werden sie im Zürcher Fraumünster getraut, worauf der Neuvermählte wieder zu seiner Einheit zurückkehrt.
Die neue Besitzerfamilie lässt den Gartenbereich auf der Seeseite (Ost) umgestalten. Der englische Garten vor der Freitreppe wird zugunsten der links- und rechtsseitigen Kanzeln zurückgebaut und die Kieswege zum See werden geschwungen angelegt.
Neben dem Gärtnerhaus entsteht eine Pferdestallung, um Erics Kavalleriepferd unterzubringen. Später hält er hier ein Vollblut, mit dem er Geländeritte unternimmt. Nachdem der Kanton Zürich das Simongut 1973 gekauft hat, wird die Stallung in ein Wohnhaus umgewandelt. Die Erstmieterin, Charlotte Ryffel, wohnt heute noch darin, bis 2017 zusammen mit ihrem Gatten Egon.
72 Eric von Schulthess (1914–1986).
Der Familie von Schulthess wiederfährt das Unglück, den Sohn Eric Robert Adrian 1971 im 28. Lebensjahr zu verlieren. Er stirbt an Leukämie. 1972, nach dem Tod seiner Mutter Helene (Leny) von Schulthess-Rechberg-Bodmer, die nach dem Tod von Hans 1951 zwanzig Jahre lang alleinige Schlossherrin war, zieht Eric mit seiner Frau Jacqueline zurück ins elterliche Schloss an der Westseite der Halbinsel. Er verkauft das Simongut 1973 dem Kanton Zürich, der die Liegenschaft in erster Linie aus Gründen des Landschafts-und Naturschutzes erwirbt. Die Verkäufer verknüpfen die Handänderung jedoch mit dem Wunsch, dass die Villa für Bildungszwecke genutzt werden möge. Bald nach Erics Tod 1986 geht 1989 auch das Schloss Au an den Kanton Zürich – möglicherweise als Folge der wunschgemässen Umwandlung des Simonguts in das Bildungszentrum des Kantons. 1992 wird im Schloss Au der Betrieb als Lehrer-Fortbildungszentrum provisorisch initiiert. Seit 2002 ist die Pädagogische Hochschule Zürich (PHZH) im Schloss Au federführend.
73 Die weite Fläche vor der Terrasse öffnet den Blick vom Haus über den See in die Alpen.
Nach dem Kauf des Simongutes folgt eine vierjährige Projektierungs- und Bewilligungsphase sowie der Umbau nach den Plänen des Zürcher Architekten Marcel Thoenen. Die markanteste Änderung erfuhr die Verbindung der vier Stockwerke. Anstelle der abgeschotteten, hölzernen Dienstbotenstiege wird eine grosszügige Sandsteintreppe mit Glasgeländern eingebaut. Ferner wird die eher bescheidene Feuerstelle in der Halle aus dunklem Gestein durch das mannshohe, helle Marmor-Cheminée aus der ehemaligen Villa Schönau an der Zollikerstrasse in Zürich ersetzt.
74a Blumenpracht im Spätsommer.
Gleichwohl zeichnet sich die Villa durch die noch weitgehend originale Erhaltung aus. Nach der Fertigstellung 1977 werden zuerst lediglich Parterre und erster Stock der Villa als Schulungsräume genutzt. Das oberste Stockwerk ist an Dr. Sager, ein Direktor der Kreditanstalt, und später an Dr. Grimm mit Familie vermietet. Letzterer ist als Zahnarzt in Horgen tätig. Als dann der Kanton Zürich weitere Räumlichkeiten für die Kaderschulung benötigt, müssen sie eine andere Bleibe suchen. Die Wohnung wird dem Schulungsbetrieb sanft angepasst. Unverändert erhalten geblieben sind jedoch die beiden Bäder sowie die Küche.
2018/2019 werden das einsturzgefährdete Bootshaus sowie der Landungssteg während mehrerer Monate saniert. Es beherbergt seither Schiffsveteranen der Stiftung Historische Zürichsee-Boote zur Miete. Villa, Bootshaus und Park stehen unter Denkmalschutz.
75 2018/2019 wurde das Bootshaus saniert.
Ursprünglich war das Simongut ein abgeschotteter Park, unzugänglich für das Publikum. Die Eisentore bei den ehemaligen Stallungen und auf Höhe des Hinterausgangs der Villa verhinderten eine Umgehung. Auf Initiative der Stadt Wädenswil und auf deren Zusage hin, künftig für Unterhalt und Reinigung zu sorgen, wurde die heutige Badewiese mit Grillplätzen Mitte der 1980er-Jahre der Öffentlichkeit zugänglich gemacht und die Umgehung sowie die Nutzung für Freitzeitakivitäten somit gewährleistet. Der nicht öffentliche Teil des Parkes, mit der Villa und den Treibhäusern samt Aussenbeeten als Kernstück, ist ein Biotop und Naturparadies. Wer einmal Musse hat und genau hinschaut, kann vielleicht die hier lebenden Eichhörnchen entdecken, die Eichelhäher und das Grünspecht-Paar, nebst einer grossen Vielfalt an Insekten, Wildbienen und Hummeln. Das Simongut sowie weite Teile der Halbinsel Au gelten als Wildbienen-Hotspot mit einer überdurchschnittlichen Artenvielfalt und entsprechender Bedeutung. Dass sie hier in grosser Zahl leben und Nahrung finden, ist den vielen Blumenbeeten, blühenden Büschen, dem Malven- und Sonnenblumenwald am See und den ungedüngten Wiesen zu verdanken, die wahre Verwandlungskünstler sind und sich immer wieder in einem anderen farbigen Kleid zeigen. Früh im Jahr dominieren die blauen Günsel, die vom gelben Habichtskraut abgelöst werden, gefolgt von Horsten an Margriten. Aber auch Oregano, Thymian und vieles andere – bis hin zu Pilzen – spriesst dank der weitgehend giftfreien Gartenpflege aus dem Grün. Wichtiger Nährstofflieferant, und als Frühblüher bei den Wildbienen beliebt, sind die 19 Obstbäume verschiedenster Sorten. Deren ungespritzte Äpfel werden im Herbst den Seminarteilnehmerinnen und -teilnehmern als willkommene Pausenverpflegung abgegeben.
74b Ein Biotop und Wildbienen-Hotspot: Den Park um das Simongut kennzeichet eine grosse Pflanzenvielfalt.
Der Kanton Zürich zählt abzüglich der Lehrpersonen etwa 30 000 Angestellte, für welche im Simongut eine breite Palette von Weiterbildungsmöglichkeiten zur Auswahl steht. 73 verschiedene Seminare sind im Angebot, das genauso vielfältig ist wie das Publikum aus allen Bereichen der kantonalen Verwaltung, das sich hier fit hält für die Herausforderungen der täglichen Arbeit. Möglich, dass sich ein Schaltermitarbeiter des Strassenverkehrsamtes für das Seminar «Wenn Kunden keine Könige sind – anspruchsvolle Kundenkontakte souverän meistern» einschreibt und die Kantonspolizistin für «Konflikte erkennen – Konflikte beilegen». Ein Aufseher der Strafanstalt Pöschwies besucht vielleicht den Kurs «Gesunde Durchsetzungsstärke – mit Selbstsicherheit und Taktgefühl auftreten» und die Dame an der Sicherheitskontrolle im Flughafen Kloten «Schlagfertigkeit mit Humor und Empathie». Jemand aus dem Baudepartement könnte das Seminar «So managen Sie Ihre Submission im öffentlichen Beschaffungswesen» oder «Projektmanagement» belegen und Leute, die sich öffentlich exponieren, «Rede- und Präsentationstechnik». Angehende Kaderleute besuchen die «Grundausbildung für Führungskräfte», deren Module sich über ein ganzes Jahr hinziehen, oder vielleicht «Klar kommunizieren – erfolgreich Gespräche führen» und «Teams erfolgreich führen und entwickeln». Und wer sich mit dem schriftlichen Ausdruck etwas schwer tut, dem wird die Schreibwerkstatt empfohlen: «So schreibt man heute».
Das Simongut steht ausschliesslich im Zeichen der Weiterbildung des kantonalen Personals und kann weder gemietet, noch für andere Zwecke genutzt werden. Anders ist dies beim Schloss Au, das als Tagungszentrum mit den vorhandenen personellen Ressourcen auch gerne Fremdanlässe betreut. Die West- und die Ostseite der Halbinsel Au sind im Besitz des Kantons Zürich, der mittlere Teil mit dem Landgasthof gehört dem Au-Konsortium sowie einigen wenigen privaten Grundeigentümern und der Stadt Wädenswil. Alle sind dem naturgerechten Erhalt der Halbinsel verpflichtet, auf dass dieses Juwel der Bevölkerung als Erholungsgebiet erhalten bleibt.
Christian Müller,
Betriebsleiter Bildungszentrum Vordere Au (Simongut)
65 Bildungszentrum Vordere Au
66 Bildungszentrum Vordere Au
68a Bildungszentrum Vordere Au
68b Bildungszentrum Vordere Au
70 Bildungszentrum Vordere Au
71 ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv/Stiftung Luftbild Schweiz (LBS_MH01-005442), 113 unten (Ans_05346-047-AL), 119 (Dia_259-161, Walter Baur)
72 Bildungszentrum Vordere Au
73 Bildungszentrum Vordere Au
74a Bildungszentrum Vordere Au
74b Bildungszentrum Vordere Au
75 Bildungszentrum Vordere Au
Albert Hauser. Halbinsel Au – ein Glücksfall: Menschen, Kultur und Landschaft. Zürich 1991.
Aymon de Mestral. Charles Simon: Humaniste et Réassureur, 1862–1942. Zürich 1947.
Charles Simon. Erlebnisse und Gedanken eines alten Bergsteigers. Zürich 1932.
Peter Ziegler. Die Au: gestern – heute. Wädenswil 1984.
Nachrufe von Marguerite und Charles Simon.
Finanz und Wirtschaft.
Eigene Recherchen.