Historische Gesellschaft Wädenswil

Quelle: Jahrbuch der Stadt Wädenswil 2020 von Mariska Beirne, Christian Winkler

167a Fotografien halten verschwundene Bauten und vergangene Ereignisse fest.

Die Erfindung der Fotografie vor bald 200 Jahren veränderte die Welt – und auch in Wädenswil verbreitete sich die Neuheit rasant, ebenso wie etwas später der Film. Blättert man durch Fotoalben mit alten Ansichten von Wädenswil, staunt man, wie sehr sich die Stadt gewandelt hat. Viele Siedlungen sind erbaut und ganze Quartiere abgerissen worden. Neben baulichen Veränderungen zeigen Fotografien und Filme das einstige Leben: Freudige und traurige Ereignisse, Familiäres, Menschen bei der Arbeit.

Wädenswiler Film- und Fotografie-Pioniere

Die Historische Gesellschaft öffnete in ihrer Ausstellung «abgelichtet – Wädenswil auf Foto und Film», die ab 16. Januar 2020 in der Kulturgarage zu sehen war, Fotoalben, spannte Filme ein und klickte zum nächsten Dia – kurz: Sie zeigte eine Vielzahl historischer Bilder und Filme, die einen eindrücklichen Blick ins vergangene Wädenswil bieten. Ausgewählte Objekte illustrierten zudem die technische Entwicklung und verdeutlichten das Handwerk, das hinter der Fotografie steht. Weitere Schwerpunkte der Ausstellung bildeten das bald 100-jährige Schloss-Cinéma und die Fotografie mit ihren Geschäften als Gewerbe. Die Ausstellung liess das Publikum durch die Linsen der Fotografin und des Filmers schauen.

Wie präsentierte man sich vor 100 Jahren vor der Kamera? Welche freudigen, eindrücklichen und denkwürdigen Ereignisse fing man ein? Wie veränderte sich das Aussehen des Ortes Wädenswil? Vieles existiert nicht mehr, ist aber durch Fotografie und Film erhalten geblieben.
Leonie Ruesch und Christian Winkler zeichneten als Kuratierende für die Ausstellung verantwortlich. Sie sichteten Tausende Fotos – im Wesentlichen aus der Dokumentationsstelle Oberer Zürichsee – und gruppierten sie inhaltlich zu Schwerpunkten. In Gesprächen mit über zwanzig Personen konnten viele interessante Einblicke ins vergangene Wädenswil und ins Handwerk der Fotografie und des Films gewonnen werden. Das Kuratorenteam traf sich beispielsweise mit Bluette Geisser, Georges Hoffmann, Hans Langendorf oder den Gebrüdern Thévenaz, trug spannende Geschichten zusammen und gelangte an aussergewöhnliche Ausstellungsobjekte.

167b Rund 300 Fotos waren in der Ausstellung zu sehen: HGW-Ehrenmitglied Peter Ziegler und seine Frau Elisabeth auf Entdeckungstour.

Der Fotoapparat von Louise Thévenaz

Für das Thema Film konnte auf den umfangreichen und erst kürzlich digitalisierten Bestand der Dokumentationsstelle zurückgegriffen werden. Zusätzlich bemühte sich das Kuratorenteam um weitere Filmschätze, die sich bei Privatpersonen befinden und für die Ausstellung erstmals digitalisiert wurden.
In der Ausstellung waren etwa 300 Fotografien – gedruckt oder im Original –, Ausschnitte aus 27 Filmen und rund 25 Apparate zu sehen. Insgesamt stellten 12 Personen oder Institutionen Fotografien zur Verfügung, die Filme kamen aus neun unterschiedlichen Quellen. Die Fotografien konnten 26 verschiedenen Fotografinnen oder Fotografen als Urheberinnen und Urhebern zugewiesen werden. Von 13 Kameraleuten waren Filme zu sehen. Zu den Highlights gehörte der «technische Zeitstrahl» mit ausgewählten Exponaten zur Entwicklung der Fotografie und des Films. In diesem Bereich war ausserdem die älteste Fotografie der Ausstellung zu sehen, eine Daguerreotypie von 1850. Auch der grosse hölzerne Studio-Fotoapparat von Louise Thévenaz zog die Blicke auf sich. Im Bereich zum Kino liessen sich die Besuchenden gerne auf den Kino-Sesseln nieder und betrachteten die Filme zum Thema «Aufbau und Abbruch» – die Schaufensterpuppen mit den ehemaligen Placeur-Uniformen des Schloss-Cinéma im Hintergrund. Ein Foto-Panorama der Seestrasse von Martin Linsi zeigte die Vergänglichkeit des Ortsbildes. Beim vertrauten Klappern des Dia-Karussells verweilte das Publikum besonders lange und versuchte, die abgebildeten Ortsteile zu erraten.

Corona-Lockdown: Jähes Ende der Ausstellung

In den ersten Wochen der Ausstellung zeichnete sich ein Publikumsrekord ab. 1126 Personen hatten die Kulturgarage in acht Wochen besucht. Den Höhepunkt der achtwöchigen Ausstellungszeit bildete der Anlass im Schloss-Cinéma am 7. Februar: Über 170 Personen wohnten im ausverkauften Kino historischen Filmen mit Wädenswiler Motiven bei, live begleitet von den Musikern Andi Hug und Simon Ho. Doch wegen des verordneten Lockdowns durch die Corona-Pandemie musste die Ausstellung sechs Wochen früher als geplant geschlossen werden. Zahlreiche Veranstaltungen, Führungen und Schulworkshops mussten abgesagt werden. Die HGW hat deshalb beschlossen, «abgelichtet» 2021 erneut zu zeigen. Auch weitere Veranstaltungen wie die Museumsnacht des Bezirks Horgen oder eine Gesprächsrunde in Zusammenarbeit mit der Stiftung Bühl wurden auf 2021 verschoben.

168a Das Schloss-Cinéma war bis auf den letzten Platz besetzt, als historische Filme aus Wädenswil gezeigt wurden.

168b Die Ausstellung widmete der fast 100-jährigen Geschichte des Wädenswiler Kinos einen besonderen Teil.

169 Historische Fotografien und die Geräte, mit denen sie erstellt wurden, als Blickfang.

Passend zum Ausstellungsthema «abgelichtet » lud die HGW zum zweiten Teil ihrer Generalversammlung einen Spezialisten für die Erhaltung von Bild- und Ton-Dokumenten ein. Felix Rauh ist Historiker und arbeitet als stellvertretender Direktor für Memoriav, der Fachstelle für alle Fragen rund um die Erhaltung von audiovisuellem Kulturgut. Das Thema ist nicht nur für Museen und Archive von Interesse. Auch private Familienfotos, Filme oder Tondokumente verlieren nach einer gewissen Zeit an Qualität oder gehen im schlimmsten Fall ganz verloren. Wer kennt sie nicht, die rosafarbenen Fotografien aus den 1970er-Jahren oder Audiokassetten, die zerbröseln? Die falsche Lagerung von Fotos, Filmrollen oder Tonbändern kann diese zerstören. Eine mögliche Lösung ist die Digitalisierung, aber nur, wenn sie richtig umgesetzt wird. Felix Rauh zeigte den interessierten HGW-Mitgliedern auf, welche Vorsichtsmassnahmen getroffen werden können, damit audiovisuelle Dokumente auch von den nächsten Generationen noch gehört und gesehen werden können.
Die Ausstellung «abgelichtet – Wädenswil auf Foto und Film» wird von Januar bis April 2021 ein zweites Mal zu sehen sein. Die Bevölkerung ist eingeladen, noch einmal in das fotografische und filmische Erbe Wädenswils einzutauchen.



Mariska Beirne, Christian Winkler
Historische Gesellschaft Wädenswil


Bildnachweis

167a Historische Gesellschaft Wädenswil, Rolf Munz
167b Historische Gesellschaft Wädenswil, Rolf Munz
168a Historische Gesellschaft Wädenswil, Rolf Munz
168b Historische Gesellschaft Wädenswil, Rolf Munz
169 Historische Gesellschaft Wädenswil, Rolf Munz